Mehr als nur lose Blätter
Rund 140 Jahre nach seinem Tod erscheint erstmals eine Gesamteinspielung der Klaviersolowerke von Hermann Goetz.
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An der hauptsächlich aus Deutschland importierten Romantik in der Schweiz scheinen einheimische Interpreten nicht sehr interessiert zu sein, ebenso wie am Schaffen der hier geborenen Spätromantiker. Theodor Kirchners Klavierwerke aus der Schweizer Zeit wurden von Irene Barbuceanu eingespielt; für den in Lachen (SZ) geborenen Sinfoniker Joachim Raff setzten sich die Bamberger Symphoniker ein. Die orchestralen Hauptwerke von Hans Huber wurden von den Stuttgarter Philharmonikern aufgenommen, diejenigen von Fritz Brun liegen in Einspielungen mit dem Moskauer Sinfonieorchester vor. Die erste Gesamteinspielung der drei Streichquartette von Hermann Suter ist dem in Bonn gegründeten Beethoven-Quartett zu verdanken. Wen wundert es da, dass es ein deutscher Pianist war, Christof Keymer, der mit der ersten Gesamteinspielung der mehrheitlich in Winterthur und Zürich entstandenen Klaviersolowerke von Hermann Goetz (1840-1876) hervortrat?
Beim deutschen Label cpo sind seine Interpretationen umso besser aufgehoben, als sie gut in das oft ausgefallene Repertoire dieses entdeckungsfreudigen Produzenten passen. Es handelt sich tatsächlich um Entdeckungen, finden sich doch neben den Losen Blättern op. 7 und den beiden Sonatinen op. 8, die gelegentlich an Vortragsübungen erklingen, gleich mehrere Raritäten auf den beiden CDs. Die Notenausgaben von vier Stücken aus dem Nachlass hatte Christof Keymer schon 2013 im Erstdruck beim Amadeus-Verlag in Winterthur vorgelegt: die frühe Alwinen-Polka aus der Königsberger Studienzeit, eine stürmische Fantasie in d-Moll, ein mit Staccati gespicktes Scherzo in F-Dur und das in Sonatensatzform stehende Waldmärchen in h-Moll (BP 1497).
Besonderes Interesse verdient das dreiteilige Scherzo. Das noch während des Studiums bei Hans von Bülow 1862 in Berlin komponierte Stück lässt die Vermutung aufkommen, Goetz habe die nur einen Ton tiefer notierte Etüde aus den Vingt exercices et préludes der polnischen Chopin-Vorläuferin Maria Szymanowska-Wołowska (1789–1831) gekannt.
Alle diese Werke, einen Sonatensatz in G-Dur und kleinere Stücke gestaltet Keymer mit viel Liebe zu klanglichen Details, um in den lyrischen Partien der Losen Blätter mit warmem Espressivo und wunderbarer Gelassenheit besonders zu beeindrucken.
Hermann Goetz: Complete Piano Works. Christof Keymer, Klavier. cpo 777 879-2 (2 CDs)