Im Zifferndickicht

Die Fingersätze trüben die Freude des Rezensenten über die Neuausgabe von Beethovens Klaviersonate Nr. 5 c-Moll op. 10,1.

Beethoven auf einem Gemälde von 1902 von Julius Schmid (1854–1935). Quelle: Artvee.com

Der G. Henle-Verlag ist nicht nur einer der renommiertesten, sondern auch einer der fleissigsten Herausgeber von Musikalien. Und gerade in den vergangenen Jahren gab es an dieser Stelle viel Lob für die hochprofessionellen und grafisch einzigartig gestalteten Neuausgaben aus diesem Haus. Seit der Verlag vor einiger Zeit begonnen hat, Beethovens 32 Klaviersonaten neu herauszubringen, fällt allerdings ein kleiner Wermutstropfen in diese Lobrede. Dabei geht es eigentlich nur um ein Detail, aber ein gar nicht so unwichtiges: die Fingersätze. Murray Perahias Verdienste als wunderbarer Pianist sind natürlich unbestritten, seine Fingersatzangaben in dieser neuen Beethoven-Edition allerdings wenig hilfreich. Man muss das leider so deutlich sagen!

An der jüngst erschienenen Einzelausgabe der Sonate in c-Moll op. 10,1 lässt sich zeigen – quasi Pars pro Toto – woran das System krankt.

1. Perahias Fingersätze sind doch sehr persönlich und gelegentlich sehr umständlich. So ist es nicht immer sinnvoll, bei jeder Tonwiederholung einen Fingerwechsel zu notieren. Auch die vielen stummen Fingerwechsel stehen eigentlich nicht im Dienst einer lebendigen Artikulation.

2. Es sind zu viele unnötige Angaben, die damit das Notenbild unübersichtlich machen. Dies umso mehr, als Henle die Zahlen nun grösser druckt als noch in der alten Ausgabe. Die neun Töne des aufstrebenden Hauptmotivs am Anfang des ersten Satzes sind beispielsweise mit nicht weniger als zehn Zahlen versehen! Wenn also jemand einen alternativen Fingersatz notieren möchte, hat er ziemlich viel zu streichen …

3. Es kommen offenbar auch Druckfehler vor. So sind die Angaben in Takt 36 und 170 des Allegro molto con brio schlicht unverständlich.

Dass es auch anders geht, beweisen zum Beispiel die neuen Ausgaben der Klavierwerke Rachmaninows, ebenfalls aus dem Hause Henle. Marc-André Hamelin, sicher einer der grossartigsten Pianisten unserer Zeit, setzt seine klugen Fingersatzangaben behutsam nur dort, wo er eine Hilfestellung als notwendig erachtet. Das macht den Notentext übersichtlich und viel besser lesbar.

Offenbar hat man auch bei Henle das Problem erkannt und setzt nun bei der neusten Ausgabe aller Klaviersonaten von Joseph Haydn auf nicht weniger als «55 Paten für 55 Sonaten», so jedenfalls die Werbung des Verlags.

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Ludwig van Beethoven: Klaviersonate Nr. 5 c-Moll op. 10 Nr. 1, hg. von Norbert Gertsch und Murray Perahia, HN 1128, € 7.00, G. Henle, München

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