Beeindruckende Erfindungsgabe

Die Orgelsonaten von Camillo Schumann sind der Tradition des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Sie zeugen von sprühender Inspiration und solidem Handwerk.

Camillo Schumann 1869. Fotograf unbekannt / wikimedia commons

Mit der Urtext-Publikation der sechs Orgelsonaten von Camillo Schumann (1872–1946) in einem Band leistet Breitkopf einen willkommenen Beitrag zur Erweiterung des deutsch-romantischen Orgelrepertoires. Der in Dresden, Leipzig und Berlin ausgebildete Komponist (ohne verwandtschaftliche Beziehungen zum «illustren» Namensvetter Robert) wirkte als Organist in Eisenach und Bad Gottleuba und hinterliess ein umfangreiches kompositorisches Schaffen, darunter auch Klarinetten-, Cello- und Hornsonaten.

Mit den Sonaten für Orgel, entstanden in Eisenach zwischen 1899 und 1910 und bislang nur in Reprints oder Einzelausgaben (Butz, Möseler) verfügbar, reiht sich Schumann in eine Traditionslinie ein, die ganz offensichtlich auf das Sonatenschaffen Mendelssohns und Rheinbergers zurückgeht. Die (mit einer Ausnahme) jeweils viersätzigen Werke mit Spieldauer zwischen 20 und 25 Minuten atmen noch ganz den Geist des 19. Jahrhunderts. Schwungvolle Sonatensätze, kunstvolle Fugen, innige Kantilenen, ab und zu die Verwendung bekannter (Choral-)Themen wie Lobe den Herren im fugierten Finalsatz der 4. oder B-A-C-H im Finale der 2. Sonate – ein vertrautes Vokabular, das zeigt, dass der Komponist zwar der Ästhetik seiner Lehrergeneration treu bleibt und weder formal noch harmonisch von den musikgeschichtlichen Entwicklungen seiner Zeit wirklich berührt zu werden scheint, aber nichtsdestoweniger durch seine Erfindungskraft beeindruckt. Nur selten verliert sich Schumann in «Gemeinplätzen», die mehr von solidem Handwerk als von blühender Inspiration zeugen.

Technisch liegen die Sonaten im Bereich jener von Rheinberger und verraten auch in den anspruchsvolleren Sätzen den erfahrenen Praktiker, wobei einzelne Sätze durchaus auch leichter sind, modernen Instrumenten angepasst werden können und daher sicher einen Platz ausserhalb des Konzertbetriebs finden werden. Fazit: Eine erfreuliche, auch im Notenbild schön gestaltete Edition, die bei Liebhabern romantischer Orgelmusik einen Platz im Bücherregal finden dürfte.

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Camillo Schumann: Sämtliche Orgelsonaten, hg. von Antje Wissemann, EB 8979, € 44.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden

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