Ein diskreter Mäzen

Ihre Forschungen in den nun geöffneten Archiven des Musikkollegiums und Werner Reinharts Privatarchiv hat Ulrike Thiele in ihrer Dissertation zusammengetragen.

Werner Reinhart. Ausschnitt aus dem Buchcover

«Reinhart» ist dank der hochkarätigen Kunstsammlung am Römerholz des Winterthurers Oskar Reinhart (1885–1965) noch immer ein schweizweit klingender Name. Dass sein Bruder Werner (1884–1951) auf musikalischem Gebiet ebenso Bedeutendes geleistet hat, ist mittlerweile vor allem noch Insidern bekannt. Werner Reinhart war eher im Hintergrund tätig, unterstützte das Musikkollegium Winterthur und holte den bedeutenden Dirigenten Hermann Scherchen in die Eulachstadt. Dank ihnen wurde das Orchester zwischen 1923 und 1951 zu einem europäischen Zentrum der zeitgenössischen Musikpflege.

Reinhart war ein exzellenter Amateur-Klarinettist, der ein Flair für die Neue Musik hatte und sie in den Fokus seines Wirkens stellte. Dieses aber war diskret, finanzielles Engagement bei Aufführungen wurde oft gar nicht erwähnt. Dank Peter Sulzers Standardwerk 10 Komponisten um Werner Reinhart (Band I, 1979; Band II, 1980) weiss man seit Langem, dass er, ähnlich wie Paul Sacher in Basel, in Winterthur ausgewählte Komponisten langfristig unterstützte und stärkte. Dazu zählten Strawinsky, Krenek und Honegger, aber auch Hindemith oder Richard Strauss. Gerade der mit dem Hitler-Regime «verbandelte» Strauss gab immer wieder Anlass zu Vermutungen in Zusammenhang mit Reinhart. Viel wurde gemunkelt, Genaueres war nicht bekannt.

Nun wurden die Archive des Musikkollegiums und damit auch Reinharts Privatarchiv geöffnet; die Musikwissenschaftlerin Ulrike Thiele konnte sie durchforsten und daraus ihre Dissertation schreiben. Bei Bärenreiter ist das Resultat erschienen. Die Spannung war gross, doch gewisse Erwartungen werden darin nicht erfüllt. Thiele berichtet differenziert und stets abwägend. Das gilt etwa für den Umgang Reinharts mit den nach 1933 gleichgeschalteten Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen, die er noch 1938 besuchte und unterstützte.

Es lässt etwas ratlow, wenn Thiele den berühmten Fall des opportunistischen Wilhelm Furtwängler, der im Februar 1945 trotz heftigster Proteste in Winterthur dirigierte, als «Demonstration einer musikpolitischen Position» wertet, «der die Vorstellung von einer strikten Trennbarkeit von Kunst und Politik zugrunde liegt». Ebenso die Bewertung von Reinharts Umgang mit Richard Strauss.

Dafür freut man sich über bisher unbekanntes Mäzenatentum, etwa dass De Fallas Aufführung von Meister Pedros Puppenspiel im Marionettentheater Zürich 1926 durch Reinhart ermöglicht wurde. Oder wie umfangreich er Clara Haskil über viele Jahre ideell und materiell förderte und ihr so das Überleben sicherte. Insgesamt verbirgt sich in Thieles Dissertation ein Fundus an Informationen und Quellen zur Musikgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert.

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Ulrike Thiele: Mäzen und Mentor. Werner Reinhart als Wegbereiter der musikalischen Moderne, Schweizer Beiträge zur Musikforschung, Band 27, 332 S., € 39.95, Bärenreiter, Kassel 2019, ISBN 978-3-7618-7201-7

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