Nie wirklich angekommen

Der Komponist und Dirigent Hermann Hans Wetzler, geboren 1870 in Frankfurt am Main, gestorben 1943 in New York, wird in der Biografie von Heinrich Aerni mit vielen Selbstzeugnissen vorgestellt.

Hermann Hans Wetzler in New York um 1900. Foto: Zentralbibliothek Zürich

Wer war Hermann Hans Wetzler? Heinrich Aerni macht keinen Hehl daraus, dass dieser Name heute vergessen ist. Umso akribischer betrieb er die Ausforschung von Wetzlers Biografie, die er, auf Grundlage des Nachlasses in der Zentralbibliothek Zürich, in drei Teile gliedert. Zunächst spürt Aerni Wetzlers zahlreichen geografischen «Stationen» nach, die schon im groben Überblick von rastlosem Hin- und Herwechseln zwischen den USA, Deutschland und der Schweiz geprägt sind. In zwei weiteren Teilen widmet sich Aerni sodann der Dirigenten- und Komponistenkarriere Wetzlers. Ein umfangreicher Anhang gibt zudem Auskunft über Wetzlers Auftritte als Dirigent und Musiker sowie über die Aufführungsdaten seiner Kompositionen. Obschon Aerni einleitend ankündigt, mentalitäts- und identitätsgeschichtliche Lesarten in den Blick zu nehmen, liegt die Stärke des Buches weniger in einer theoretisierenden Entschlüsselung des Materials als vielmehr in diesem selbst. Die zweifellos atemberaubende Fülle von Quellen vermag der Autor übersichtlich zu präsentieren, wenn auch ein häufigeres Paraphrasieren der vielen, teilweise in beträchtlicher Länge wiedergegebenen Zitate die Leserfreundlichkeit noch erhöhen würde.

Doch wer war nun dieser Vergessene? Wetzler wurde 1870 in Deutschland als Kind jüdischer Eltern geboren, verbrachte seine Kindheit aber in Chicago und Cincinnati, wo er als musikalisches «Wunderkind» gehandelt wurde (S. 19). Später lebte er während längeren Phasen sowohl in Deutschland als auch in den USA und betätigte sich nicht nur als Organist, Geiger, Dirigent und Komponist, sondern auch als Musikorganisator: Gut 30 Jahre alt, verfügte er bereits über sein eigenes Orchester, mit dem kein Geringerer als Richard Strauss 1903 sein USA-Debüt feierte. Dennoch zog Wetzler 1905 wieder nach Deutschland, wo er als Dirigent und Komponist 25 Jahre lang zwischen Erfolgen und Niederlagen oszillierte und mit namhaften Grössen der Zeit wie Nikisch, Klemperer oder Furtwängler verkehrte – teilweise auch rivalisierte. Doch nachhaltig reüssieren konnte er weder in der einen noch der anderen Funktion. Als Dirigent wurde ihm etwa sein undeutlicher Schlag angekreidet, während er auch als Komponist eines «vergleichsweise kleine[n] kompositorischen Werks» wenig Anerkennung fand. Dennoch widmete er sich immer intensiver dem Komponieren, sodass er, notabene von der Schweiz aus, im April 1933 festhielt, er habe gar keine Zeit, sich um die politischen Ereignisse zu kümmern, da er sich ganz auf seine Arbeit konzentriere.

Detaillierte, quellenreiche Schilderungen solcher biografischer Umstände und Entwicklungen gehören zweifellos zu den Vorzügen von Aernis Buch. Es wäre allerdings zu wünschen, dass sie noch ausgeprägter musik-, zeit- und gesellschaftshistorisch eingebunden würden, als dies in einem kurzen Unterkapitel (S. 160–169) geschieht. Mit Hermann Hans Wetzlers Lebensweg als solchem wird man durch Aernis Darstellung zwar gut vertraut. Doch warum sich der Autor gerade mit Wetzler beschäftigt, erhellt sich auch nach der Lektüre nicht wirklich.

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Heinrich Aerni, Zwischen USA und Deutschem Reich. Hermann Hans Wetzler (1870–1943). Dirigent und Komponist, Schweizer Beiträge zur Musikforschung, Bd. 22, 476 S., € 37.95, Bärenreiter, Kassel 2015, ISBN 978-3-7618-2358-3

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