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Als Leiterin seines Instituts ist Susanne Popp die ideale Biografin für Max Reger. Sie stellt auch viele seiner Werke vor.

Nun hat also auch er sein Jubiläum: Max Reger, der vor 100 Jahren starb und dessen Bekanntheitsgrad in merkwürdigem Verhältnis zum unentdeckten Œuvre steht. Dass Reger viele Orgelchoräle schrieb, sprach sich herum. Doch wer kennt schon das Violinkonzert A-Dur von 1908, die Streichquartette, die Sinfonietta von 1905 oder die kolossale Symphonische Fantasie und Fuge für Orgel op. 57 von 1901, die so gar nicht passt zum Bild des biederen Bewunderers Johann Sebastian Bachs?
Susanne Popp räumt mit Vorurteilen auf: Der stete Bezugspunkt war zwar der ausserordentlich bewunderte Bach, doch Reger begriff ihn als Anfang und Ende aller Musik zugleich. Wenn er wieder Fugen, Präludien und Choräle schrieb, dann niemals im Sinne einer Restauration, sondern im Dienste einer Fortführung eines gewaltigen Erbes unter fortschrittlichen Vorzeichen. Lebendig beschreibt Popp nicht nur das Leben, sondern auch so manches Werk: «wuchtige Klangmassen» in der Inferno-Fantasie zum Beispiel, «die kein tonales Zentrum haben und den ganzen Zwölftonraum umfassen». Oder auch das Spätwerk Requiem aeternam (1915), das Popp aufgrund seiner «Klangflächen und Expressionsfelder» sogar als Vorwegnahme der Ästhetik eines György Ligeti interpretiert.
Seit 1981 ist Susanne Popp Leiterin des Karlsruher Max-Reger-Instituts. Enorm vertraut ist sie daher mit den Quellen. Sie belegt, dass Richard Wagner den Ausschlag gab, Komponist zu werden. Der gelehrte Musikforscher Hugo Riemann macht Reger danach vor allem mit der deutschen B-Linie bekannt, also mit Bach-Beethoven-Brahms. Auf Italiener oder Franzosen war der Komponist zeitlebens nicht gut zu sprechen. Hier war er dogmatisch: Dass Scarlatti zwar Feuer habe, aber eben nicht Wärme wie Bach – das hätte er wie viele seiner deutschen Kollegen sofort unterschrieben.
542 Seiten hat diese Biografie. Allein 60 umfassen die Anmerkungen und Quellenverweise – ein Beleg dafür, wie viel Susanne Popp für dieses herausragende Buch gelesen hat. Viele zitierte Briefstellen vom Schreib- und Kompositionswütigen zeichnen ein sehr direktes Bild, das an manchen Stellen schmunzeln lässt, an anderen wiederum nachdenklich stimmt. Dem Alkohol war Reger ziemlich verfallen; auch dem ständigen Rauchen starker Zigarren. Sein Tod am 11. Mai 1916 war wohl aufs Rauchen zurückzuführen. Susanne Popp hat für den tödlichen Herzschlag am Ende auch eine andere, sehr einleuchtende Erklärung: «Von allen vorausgesehen und doch plötzlich war sein Herz dem permanenten Überdruck, komponierend gegen den Tod und konzertierend gegen das Vergessen anzukämpfen, nicht länger gewachsen.»
Susanne Popp, Max Reger – Werk statt Leben, 542 S., 39.90 €, Breitkopf und Härtel, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-7651-0450-3
Rezensionen der Orgelwerke in der neuen Max-Reger-Werkausgabe:
Band I/4, Choralvorspiele
Bände I/5–7, Orgelstücke I-III