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Tiefes Verständnis für Tschaikowskys unüberwindbare Menschenscheu schafft Malte Korff mit seiner Darstellung der gründlich analysierten Kindheit und Jugend.
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Neu sind die Erkenntnisse nicht, mit denen der Leipziger Musikwissenschaftler und Konzertdramaturg Malte Korff in seiner Würdigung von Leben und Werk des vielschichtigsten und widersprüchlichsten russischen Komponisten glänzt. Nie zuvor aber hat sich im deutschen Sprachraum ein renommierter Autor von Komponistenbiografien die Mühe genommen, so viele Dokumente aus den beiden ersten Lebensjahrzehnten Tschaikowskys zusammenzutragen, um sie kritisch zu durchleuchten und allgemein verständlich zu präsentieren.
Fast alle Komplexe und Depressionen, an denen der vor 175 Jahren geborene Russe litt, führt Korff überzeugend auf die sehr enge Bindung des Knaben an seine Mutter und auf die Probleme mit seiner Homosexualität zurück. Wie wichtig für die menschliche und geistige Entwicklung die aus der Westschweiz stammende Gouvernante Fanny Dürbach war, geht aus der ausführlichen Schilderung jener Jahre noch deutlicher hervor als etwa aus der englischen Standardbiografie von Edward Garden (1973).
Mit nur drei Sätzen lieferte die Hauslehrerin einen der vielen Schlüssel zum Verständnis von Tschaikowskys späterem Lebensweg: «Man musste äusserst behutsam mit ihm umgehen. Jede Kleinigkeit konnte ihn verletzen. Er war ein Kind wie aus Porzellan.» In welchen verstrickungsreichen Kreislauf der zuerst als Jurist ausgebildete Kompositionsschüler von Anton Rubinstein geriet, wenn er seine Menschenscheu und weitere Probleme mit Unmengen von Alkohol zu verdrängen versuchte, kommt ebenso klar zum Ausdruck wie seine herausragende Stellung in der russischen Gesellschaft. Korff hält bezüglich der bis heute mysteriösen Todesursache an jener Version fest, wonach Tschaikowsky der Cholera erlag, nachdem er unabgekochtes Wasser getrunken haben soll.
Das an eine Zeittafel und Bibliografie angeschlossene Werkverzeichnis beschränkt sich auf eine Auswahl. Ein paar wenige Abbildungen spannen den Bogen vom Porträt des Achtjährigen bis zum Begräbnis auf Staatskosten, mit dem 1893 in St.Petersburg erstmals ein Bürgerlicher beehrt wurde.
Malte Korff, Tschaikowsky. Leben und Werk, 256 S., Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, ISBN 978-3-423-28045-7