Von Angklung bis Zimbel
Endlich gibt es wieder ein umfassendes Nachschlagewerk für die Schlagzeugpraxis.

Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, seit zum letzten Mal ein Buch über die vielfältige Welt des Schlagzeugs erschienen ist (Peinkofer/Tannigel: Handbuch des Schlagzeugs, Schott, 1969). Vor diesem Hintergrund war Das grosse Buch der Schlagzeugpraxis herausgegeben von Gyula Racz geradezu überfällig. Er stellt in Zusammenarbeit mit 14 Autoren das Schlagzeug und alles, was dazu gehört, im Detail vor. Das Kompendium ist aufgeteilt in die Sektionen Instrumentenkunde, Spielpraxis und Pädagogik, wobei die Instrumentenkunde die prominenteste Stellung einnimmt.
In diesem farbigen, reich und zum Teil mit historischen Sujets illustrierten Kapitel erzählen die Autoren über Herkunft und Geschichte des Schlagzeugs. Bereits an dieser Stelle finden sich die ersten wichtigen Rudiments für die kleine Trommel in ausnotierter Form. Und auch über die Basler Trommel sowie deren Notation, die Fritz Berger entwickelt hat, wird schon einiges verraten.
In Gyula Racz’ Buch kann man sich genauso über exotische Instrumente wie Angklung, Löwengebrüll oder Eselsgebiss wundern, wie man sich über Zwiebelflöten, Trillerpfeifen oder Vogelgezwitscher schlau machen kann. Obwohl letztere keine Schlaginstrumente sind, gehören sie zum Instrumentarium des klassischen Schlagzeugers.
Benjamin Franklin war nicht nur Präsident der USA, sondern auch ein genialer Erfinder. Unter anderem erfand er die Glasharmonika. Diese wird in der Regel von speziell dafür ausgebildeten Musikern bedient. Einige bekannte Kompositionen für die Glasharmonika stammen aus dem 18. Jahrhundert. Zu denjenigen, die das Instrument in ihren Kompositionen einsetzten, gehören auch grosse Meister wie Mozart oder Gluck. Die Glasharmonika geriet aber schliesslich in Vergessenheit, weil sie gemäss Presseberichten aus dem 19. Jahrhundert für die Nerven von Ausführenden und Zuhörenden nicht ganz ungefährlich sein sollte. Dennoch schrieb Richard Strauss Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Oper Frau ohne Schatten wieder einige Akkordfolgen für die Glasharmonika.
Im ersten Unterkapitel der Sektion «Literatur und Spielpraxis» werden vor allem Solo- und Ensemblestücke aus der Ära der Neuen Musik vorgestellt, die den Leser mit Komponisten wie Varèse und Cage, aber auch vielen anderen bekanntmachen. Dem Jazz-Vibrafon und dem Drumset sind zwei eigene, reichhaltige Unterkapitel gewidmet. Auch die Welt der Latin Percussion darf natürlich nicht fehlen. Anhand zahleicher Notenbeispiele und vieler Bilder kann der Leser in diesen faszinierenden Kosmos eintauchen.
Das grosse Buch der Schlagzeugpraxis entstand in Kooperation mit der Firma Kolberg, die bestens als Herstellerin von hochwertigen Schlaginstrumenten und Qualitätszubehör bekannt ist. Mit seiner genreübergreifenden Gliederung ist es ein geeignetes Nachschlagewerk für Dirigenten, Komponisten, Lehrer und alle Musikinteressierten. 360 Seiten stark und perfekt gelayoutet, überzeugt es auf den ersten Blick und sollte in keiner gut sortierten Musikbibliothek fehlen.
Das grosse Buch der Schlagzeugpraxis, hg. von Gyula Racz, 364 S., € 39.90, ConBrio, Regensburg 2014, ISBN 978-3-940768-43-8