Im Gestrüpp des Jazzbaums
«Weather Report» war in den Siebziger- und Achtzigerjahren die wohl berühmteste Jazzband. Drummer Peter Erskine hat nun eine autobiografische Chronik verfasst.

Die bekannte Darstellung des Jazz als strammer Baum mit eher schlankem Stamm und dichter, struppiger Krone hat sich durch- und in unseren Köpfen festgesetzt. Spätestens ab den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts setzt eine Verästelung an Strömungen und Entwicklungen ein, welche sich jeglicher linearen Darstellung widersetzt. Nur zu oft enden daher Abhandlungen über die Jazzgeschichte just kurz nach der Jahrhundertmitte oder verlieren ab da an Prägnanz und Substanz.
Peter Erskine, langjähriger Drummer des legendären Quartetts Weather Report, ist sich der Komplexität des Unterfangens, seine Zeit zu Lebzeiten – also mitten aus dem Geäst heraus – aufzuarbeiten, insofern bewusst, dass er sich zum Vornherein nicht auf die Zweige hinauswagt, was stilistische oder musikalische Beschreibungen anbelangt. Sein Zugang ist fast rein autobiografisch und sehr drum-spezifisch. So sind zum Beispiel mehrere Kapitel seinen Schlagzeugherstellern gewidmet. Als Leser stellt er sich den treuen Fan vor, der mit grossem Vergnügen Anekdoten seiner Weggefährten und aus seinem eigenen reichen Künstlerleben verschlingt. So ergibt sich ein beinahe romanhafter Erzählstil. Dass Erskine diese Schilderung gleichzeitig als Chronik der halt nun mal berühmtesten, wenn auch nicht unbedingt persönlich prägendsten Formation verpackt, sei ihm als Marketingschachzug verziehen. Auch der Schreibende wäre als Nicht-Drummer kaum am Namen Peter Erskine allein hängengeblieben, obwohl sich herausstellt, dass etliche seiner mitgestalteten 600 Alben auch dessen Tonträgersammlung schmücken. Nur schon diese Fülle und Stilvielfalt verdienen Beachtung.
Mit grossem Respekt, Bewunderung für die Mitgestalter seiner Zeit, darunter unzählige Legenden, welchen ebenfalls eine Chronik gebührte, und mit lobenswerter Bescheidenheit und Selbstironie führt uns Erskine durch sein Lebenswerk. All seinen Weggefährten widmet er sehr persönliche Mini-Biografien im Anhang. Zu seinen fünfzig wichtigsten Alben finden sich ebenfalls kurze Anekdoten und Hintergründe. Leider bleibt er musikalisch oft zu sehr an der Oberfläche. Bei all den «Genie»-Titeln, die er verleiht, wäre jeweils interessant zu erfahren, was denn genau das Geniale ausmacht an einer musikalischen Persönlichkeit. In seinem Fall erfahren wirs: Er kann süffig erzählen und natürlich «fabelhaft drummen». Er hat es geschafft, mit den meisten Jazzgrössen unserer Epoche zu jammen und somit beachtlich zum Gestrüpp des Jazzbaums beizutragen.
Die Berühmtheit seiner Aufnahmen führt übrigens dazu, dass praktisch alles auf Youtube dokumentiert ist. Unrühmlich an der eutschen Ausgabe dieses Buches ist das nachlässige Lektorat bezüglich der das/dass-Regeln.
Peter Erskine, No Beethoven, Autobiografie & Chronik von Weather Report, Deutsche Edition, 352 S., € 16.95, Fuzzymusic/Alfred Music, Köln 2014, ISBN 978-3-943638-91-2