Mehr als zwölf Töne
Vieltönige Kompositionen sind mehr als Fussnoten der Musikgeschichten. Dieses Buch erbringt den Beweis und argumentiert anhand von Beispielen aus dem römischen Barock.
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Das doppelte Ziel, «rein» zu intonieren und die Musik der griechischen Antike wiederzubeleben, beschäftigte Komponisten, Theoretiker und Instrumentenbauer von der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert. Es entstanden dabei zahlreiche, zum Teil innovativ notierte Kompositionen sowie Tasten- und Saiteninstrumente mit zusätzlichen Tasten beziehungsweise Bünden. Für alle diese musikalischen Experimente mit mehr als zwölf Tönen schlägt Martin Kirnbauer den Begriff «vieltönig» vor. Aus der jahrhundertelangen Beschäftigung mit der Vieltönigkeit wählt er einen besonders ereignisreichen Abschnitt aus: die Situation in Rom unter Papst Urban VIII. Barberini (1623–1644). Kirnbauer untersucht dabei die praktischen Aufführungsumstände von chromatischer und enharmonischer Musik und die Tragweite der Auseinandersetzung mit den antiken Genera.
Zunächst werden die Berichte von André Maugars über die vieltönige Musikpraxis in Rom, die in seiner um 1639 gedruckten Réponse faite à un curieux sur le sentiment de la musique d’Italie enthalten sind, in ihren Kontext gestellt. Domenico Mazzocchi hatte soeben seine Dialoghi, e sonetti und seine Madrigali a cinque voci veröffentlicht (beide erschienen 1638 in Rom). Deren Aufführungsorte, die Kreise um Giulio Raimondo Mazzarini und Kardinal Francesco Barberini, werden mit ihren vielfältigen kulturellen Bezugspunkten geschildert. Giovanni Battista Doni stellte einen theoretischen Rahmen um diese Bemühungen her. Er beschäftigte sich mit den antiken Tonskalen und setzte teilweise seine Pläne für neuartige Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente um. In diesem Umfeld entstand Musik von Pietro Eredia, Luigi Rossi, Virgilio Mazzocchi und Pietro della Valle.
Besonders erwähnenswert ist das experimentelle Gambenensemble von Kardinal Francesco Barberini. In seiner «accademia delle viole» wurden «madrigali al tavolino» meist instrumental aufgeführt, und zwar nicht nur Carlo Gesualdos Werke vom Anfang des Jahrhunderts, sondern auch Neukompositionen von Michelangelo Rossi, Domenico dal Pane und anderen. Noch in den 1680er-Jahren schrieb Alessandro Scarlatti für Christina von Schwedens römischen Hof Werke in dieser altmodischen Gattung. Ausser in seinen Madrigalen finden sich vielleicht in den chromatischen langsamen Sätzen der «Sonate a quattro senza cembalo» weitere Nachklänge vieltöniger Musik (Four Sonate a quattro, hg. von Rosalind Halton, Edition HH, Launton 2014). Mehrere Abschnitte von Athanasius Kirchers enzyklopädischer Musurgia Universalis von 1650 mit den darin abgedruckten Musikbeispielen von Galeazzo Sabbatini und Kaiser Ferdinand III. lassen sich auf den Umkreis von Doni und Barberini beziehen.
Dass Kirnbauers Habilitationsschrift an der Universität Basel (2006) nun als dritter Band einer Publikationsreihe der Schola Cantorum Basiliensis vorliegt, deutet bereits auf seine enge Verbindung zur Musikpraxis hin. Der als Kurator für Musikinstrumente im Museum für Musik in Basel tätige Musikwissenschaftler hat denn auch vieltönige Musik praktisch erprobt und deren Einspielung auf mehrere CDs betreut (Canzon del Principe für Divox antiqua, La Tavola Cromatica für Raumklang, Domenico Mazzocchi: Musiche sacre, e morali für AS Musique). Die technischen Details zu den Stimmungen sind verständlich dargestellt; die Schilderung des kulturhistorischen Zusammenhangs und die vielen Werkbesprechungen prägen das Buch. Im umfangreichen Anhang werden längere Exzerpte, zum Teil ganze Werke aus diesem spannenden Repertoire übertragen. Kirnbauer bringt überzeugend den im Vorwort angekündigten Nachweis, dass die Zeugnisse vieltöniger Musik «mehr als Fussnoten in der Musikgeschichtsschreibung» sind: Sie stellen eine praktische Erweiterung des Tonraums mit weitreichenden Folgen für Komposition und Aufführungspraxis dar.
Martin Kirnbauer, Vieltönige Musik: Spielarten chromatischer und enharmonischer Musik in Rom in der ersten Häfte des 17. Jahrhunderts, (=Schola Cantorum Basiliensis Scripta, Band 3), 405 S., Fr. 68.00, Schwabe, Basel 2013, ISBN 978-3-7965-2735-7