Musik muss stattfinden
Das 7. Mizmorim Festival widmete sich unter dem Titel «Bohemian Rhapsody» der tschechischen Musik. Die Veranstaltung wurde in stark reduziertem Umfang gestreamt.

Als Anfang Dezember klar wurde, dass Konzerte mit Publikum bis auf Weiteres nicht würden stattfinden dürfen, entschieden sich die Veranstalter ziemlich schnell für einen Livestream. Verschieben war keine Option. Auch von einer Absage wollte niemand etwas wissen, denn damit wäre eine monatelange, intensive Vorbereitungsarbeit vergeblich gewesen. «Musik muss stattfinden», betont die künstlerische Leiterin Michal Lewkowicz und verlangte damit dem Organisationsteam und den Ausführenden kurzfristig viel Flexibilität ab. Natürlich konnte das Geplante nicht eins zu eins übernommen werden. Viele Musikerinnen und Musiker konnten aufgrund von Quarantänebestimmungen oder Krankheit nicht anreisen. Von sieben Konzerten und zwei Familienvorstellungen blieben vier Konzerte übrig, die alle am 24. Januar stattfanden, das Publikumsgespräch wurde verschoben. Die Programme mussten neu zusammengestellt und etliche Werke von Dvořák, Janáček, Martinů, Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Marcelo Nisinman und Krištof Mařatka ganz gestrichen werden. Neu ins Programm aufgenommen wurden dafür Osvaldo Golijovs Lullaby & Doina für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass – ein lohnendes Wiederhören mit diesem originellen Komponisten, dessen The Dreams and Prayers of Isaac the Blind, für Klarinette und Streichquartett (Festival 2015) und Liederzyklus Ayre, (CH-Erstaufführung, Festival 2018) noch in starker Erinnerung sind. Hinzu kam ausserdem Janáčeks Sonate für Violine und Klavier, welche in der Interpretation von Ilya Gringolts und Benedek Horváth zu einem der Höhepunkte des Festivals wurde.
Stream mit Stockungen
Die Bildregie gehörte zu den Pluspunkten der Übertragung. Auch die Tonqualität war einwandfrei, doch stellte sich, wohl aufgrund fehlender Umgebungsgeräusche, das Gefühl einer eigentümlichen Sterilität und Künstlichkeit ein. Auf die gezwungen wirkenden Verbeugungen am Ende der Darbietungen hätte man gerne verzichtet. Geärgert haben den Schreibenden die häufigen «Ladehemmungen», verursacht durch ein überfordertes Internet, was das Hörvergnügen empfindlich schmälerte (da empfiehlt es sich, die Konzerte nachzuhören, was das Problem meist entschärft).
Trotz allem wurde das Festival, auch unter diesen erschwerten Bedingungen, seinem Grundsatz gerecht, ein vielfältiges, für alle zugängliches Programm bereitzustellen. Oder wie es Michal Lewkowicz ausdrückt: «Es gibt Leute, die kommen ins Konzert, weil sie gerne tolle Musik hören; andere, weil sie gerne tolle Künstler hören. Dann gibt es Leute, die sich wirklich für diese Schwerpunktthemen interessieren. Ich will das alles anbieten.» Das Festival beschränkt sich nicht auf jüdische Werke. Im aktuellen Programm gehören die tschechischen Komponisten Janáček und Dvořák denn auch selbstverständlich dazu. Auch stilistisch und zeitlich gibt es keine Scheuklappen. Gespielt wird, was zum Thema gehört und einem hohen Qualitätsanspruch genügt.
Kontinuität und Qualität
Moderator Moritz Weber konnte einige neue und viele schon aus früheren Festivals bekannte Künstlerinnen und Künstler ansagen und viel informatives Bonusmaterial präsentieren.
Menachem Wiesenberg schlägt in seiner Klezmer Suite eine Brücke zwischen dem volkstümlichen Klezmer und der Klassik. Die Uraufführung der Neufassung für Klarinette, Viola, Kontrabass und Klavier wurde gespielt unter der Führung des stupenden Klarinettisten Chen Halevi. In den drei jiddischen Liedern von Viktor Ullmann, entstanden 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt, gelang es der Sopranistin Aurea Marston eindrücklich, ihre voluminöse Stimme in den Dienst des Volksliedhaften zu stellen und zugleich mit emotionaler Tiefe zu verbinden. Cornelia Lenzin verlieh ihrer Begleitung ein einfühlsames Profil. Die beiden Musikerinnen hinterliessen auch in den beiden komplexen Liedern des Literaten und Musikers Max Brod, Tod und Paradies nach Texten seines Freundes Franz Kafka, einen starken Eindruck. Die Gewinnerin des zweiten Kompositionswettbewerbs, Eleni Ralli, skizziert in ihren 5 Mysterious Scenes für Solovioline Personentypen im Spannungsfeld von Stabilität und Labilität. Ilya Gringolts entfaltete ein höchst differenziertes Klangspektrum. Das Concertino für Flöte (Matvey Demin), Viola (Silvia Simionescu) und Kontrabass (Ute Grewel) von Erwin Schulhoff geriet zu einem virtuosen und schwungvollen Feuerwerk. Für die Aufführung von Antonín Dvořáks Notturno H-Dur op. 40 für Streichorchester brachte Ilya Gringolts einige seiner Studierenden mit auf die Bühne – die Nachwuchsförderung gehört auch zum Festivalkonzept.
Zu guter Letzt stand ein erlesenes Jazzkonzert auf dem Programm. Das Basler Vein-Trio verband böhmische Klänge mit seiner persönlichen Tonsprache. Themen, etwa aus Dvořáks 9. Sinfonie und Smetanas Klavierstück Pensée fugitive sowie sinnigerweise aus der Bohemian Rhapsody der Rockgruppe Queen, wurden zitiert, in Jazzharmonien überführt und in gekonnten Improvisationen variiert.
Mizmorim hat 2021 Corona die Stirn geboten und wird hoffentlich in einem Jahr wieder in analoger Form zu geniessen sein. Die Konzerte sind bis am 27. Januar auf www.mizmorimfestival.com nachzuhören.