Das grosse Rauschen

Vom 11. bis 15. September liess es das Musikfestival Bern rauschen, raunen und rumpeln. Fast allzu viele Eindrücke – und eine Referenz an Luigi Nono.

Die Berner Dampfzentrale, einer der Veranstaltungsorte. Foto: SMZ

Es war viel los an jenem Wochenende Mitte September in der Szene für zeitgenössische Musik, man hätte gleichzeitig das Festival Rümlingen, die Zeiträume Basel und das Musikfestival Bern besuchen können. Besonders ärgerlich, dass sowohl Basel als auch Bern einen Luigi-Nono-Schwerpunkt anboten. «Geplant war das Festival in Bern eine Woche früher», kommentiert Geschäftsführer Andri Probst die unglückliche Überschneidung, «aber an diesem Datum fand die Wiedereröffnung des Casinos Bern statt, wir mussten ausweichen.»

Das Musikfestival Bern wird getragen von zahlreichen Berner Institutionen und Ensembles aus der klassischen Musik und angrenzenden Bereichen. Vor allem experimentierfreudige Veranstalter erhalten durch dieses gemeinsame Dach mehr Gewicht, ein Thema sorgt für Einheit: Nach «Irrlicht» und «unzeitig» hiess es diesmal «rauschen». Das Festival findet jährlich statt und bietet eine kaum überblickbare Fülle an Konzerten, Performances, Workshops, öffentlichen Proben und Gesprächen. «Nach Vorgabe des Themas kann man Projekte eingeben. Ein Kuratorium bestehend aus Daniel Glaus, Susanne Huber, Thomas Meyer und Martin Schütz wählt dann die Beiträge aus», umschreibt Andri Probst das Vorgehen beim Programmieren.

Das Ziel ist, aus gängigen Konzertmustern auszubrechen: näher zum Publikum, offener für Experimente. Flexibilität heisst das Stichwort, und es gilt gleichermassen für die Agierenden wie für das Publikum, das selten weiss, was es erwartet.

Drei Kompositionen über Klee

Um sich wirklich auf das «Rauschen» einzulassen, musste man heuer zudem viel Zeit mitbringen. So auch am Donnerstag, wo am Mittag ein Konzert mit Helena Winkelman (Violine) und Irina Ungureanu (Sopran) im Zentrum Paul Klee angesagt war. Nadir Vassena, Helena Winkelman und Alfred Zimmerlin hatten je einen Kompositionsauftrag erhalten, wobei ein Bild von Paul Klee als Vorlage diente. Auf kleinem Format hat Klee das uralte chinesische Gedicht Beim Rauschen des Wassers und Trommelklang in Farben, Formen und Buchstaben «zusammenkomponiert». Eine spannende Ausgangslage, welche die drei Komponistinnen und Komponisten ganz unterschiedlich angingen.

Nadir Vassena stellt das Rauschen, das leise Mäandern und Sich-Vorwärtstasten mit Geigenflageoletts und piano gehauchten Wortfetzen der Singstimme ins Zentrum. Ganz anders Helena Winkelman, die gleichsam ins Werk hineinspringt, sich rhythmische und farbliche Felder erobert, indem sie die Musik um Worte wie «Trommel» oder «Glückes Lust!» gruppiert: ein Stück mit Ecken und Kanten und doch vorwärtsdrängendem Drive – mitreissend interpretiert. Alfred Zimmerlin dann extrovertiert: Kraftvoll wird das Gedicht einmal durchrezitiert, begleitet von einem elektronisch erzeugten Rhythmus, der alsbald in Rauschen übergeht und die «Livemusik» zerstört. Zwischen den Werken philosophierte Christian Grüny über den Text- und Bildaufbau bei Klee. Es war eine spannende, anspruchsvolle Stunde, bei der Ohren und Geist aufs Äusserste gefordert waren.

Vom Kartonrumpeln bis zum atmenden Klarsein

Danach gings zu zwei Installationen in die Dampfzentrale. Den Standort kennen die Berner, als Auswärtige musste man sich durchschlagen, denn im Programm fehlte eine Beschreibung. Dort wurde man von 189 eng nebeneinander aufgehängten Kartonboxen empfangen, die sich dank 42 Motoren bewegten. Die von Zimoun (*1977) geschaffene Skulptur rauschte, murmelte und rumpelte unablässig leise vor sich hin: eine Industriehalle mit meditativ aufgeladenem Charme, dem auch Kinder nicht widerstehen konnten. Eine Schulklasse lauschte unter Anleitung von Tobias Reber den ungewohnten Geräuschen.

Zimouns rauschende Kartonwand: 42 prepared dc-motors, 189 cardboard boxes 35x35x35 cm. Foto: SMZ

Vor der Installation Out there von Werner Hasler (Komposition) und Hugo Ryser (Szenografie und Projektion) warnte Reber: «Es wird sehr laut.» Damit hatte er bei dem elektronischen «Geräuschbombardement» nicht untertrieben. Dazu waren im dunklen Raum sechs Leinwände im Kreis aufgestellt, wobei die darauf projizierten Wellenmuster die Sinne zusätzlich verwirrten.

Da konnte man nur noch fliehen, zurück zu Paul Klee, wo ein Education-Projekt wartete: In Rauschen zensiert hatten 120 Schülerinnen und Schüler unter Anleitung von Mirco Huser und Tim Reichen mit Alltagsgegenständen «richtig rauschen» gelernt. Im Raum um das Publikum herum aufgestellt, schabten sie vierzig Minuten lang mit Plastikflaschen, Bürsten und Plastiksäcken, durch Stampfen und Ähnliches wild drauflos. Einmal war ein «Eins-zwei-Cha Cha Cha» zu hören – ansonsten viel Chaos und für das Publikum eine Zumutung.

Da freute man sich auf das Konzert am Abend im Münster: Christina Daletska, der Gabrielichor Bern und das Vokalensemble Zürich unter der Leitung von Andreas Reize und Peter Siegwart entführten die Hörenden in eine Wunderwelt der Klänge. In Werken von Giovanni Gabrieli, Luigi Nono und Gabrielle Brunner entfaltete sich eine für Venedig typische «Raummusik». Im Mittelpunkt La fabbrica illuminata (1964) und Das atmende Klarsein (1980–83) von Luigi Nono, dem das Festival seine Reverenz erwies. Der gelungene Ausklang eines heterogenen Tages voller experimenteller Abenteuer.

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