Über allem schwebt der Geist von Benjamin Britten

Das traditionsreiche Aldeburgh Festival ist heute Teil eines umfassenden Kulturprojekts an der englischen Ostküste.

Kulturzentrum Snape Maltings, einige Kilometer von Aldeburgh entfernt. Foto: Emmerson Productions

Wie die Kultur zum Wirtschaftsmotor in einer ländlichen Gegend werden kann, lässt sich modellhaft am Beispiel von Aldeburgh studieren. Es war einst ein verschlafenes Fischerdorf, zwei Autostunden nordöstlich von London gelegen. Dann liessen sich hier nach dem Zweiten Weltkrieg der Komponist Benjamin Britten und der Tenor Peter Pears nieder und gründeten 1948 ein Musikfestival. Das war der Beginn einer einzigartigen Entwicklung. Heute ist Aldeburgh eine Kulturdestination mit internationaler Ausstrahlung. Zum zweieinhalbwöchigen Festival im Juni kommen die Besucher nicht nur aus dem ganzen Königreich, sondern inzwischen auch vom Kontinent angereist.

Der Geist des 1976 hier gestorbenen und begrabenen Britten scheint über dem Ort zu schweben. Hier entstanden seine Opern, die von Aussenseiterschicksalen, repressiver Moral und rauher Natur handeln, sein Name findet sich auf Gedenktafeln und Strassenschildern. Das Landhaus, wo die beiden gewohnt haben, ist heute ein Museum sowie Sitz des umfangreichen Britten-Archivs und der finanzstarken Britten-Pears Foundation.

Kunst aus der Malzfabrik

Die Stiftung lebt von den weltweiten Urheberrechtseinkünften und widmet sich hauptsächlich der Pflege des Britten-Erbes, unterstützt aber auch diverse kulturelle Initiativen. Vor allem beteiligt sie sich massgeblich an den Aktivitäten der Snape Maltings, einem Kulturzentrum am Rande des Dorfs Snape, einige Kilometer von Aldeburgh entfernt. Hier finden auch die meisten Veranstaltungen des Festivals statt. Die Maltings: Das ist das weitläufige Areal einer ehemaligen Malzfabrik, allein in der offenen Landschaft gelegen, zwischen Wiesen und einem ausgedehnten Schilfgebiet. Natur und Kultur bilden einen einzigartigen Gleichklang.

Schon 1967 hatte Britten ein Fabrikgebäude zu einem akustisch hervorragenden Konzertsaal umbauen lassen; zur Eröffnung war damals sogar die Königin erschienen. Heute bilden die Maltings einen kulturellen Cluster mit Konzertreihen über das ganze Jahr, Kursen für Laien und Profis, Probenräumen, Künstlerateliers, Galerien und einer Infrastruktur mit Restaurants und Läden. Geleitet wird das Ganze von Roger Wright, früherer BBC-Mann und Chefplaner der Londoner Proms. Er hat vor, die internationalen Verbindungen in den kommenden Jahren markant auszubauen.

Konzertpause in der Abendsonne. Foto: Max Nyffeler

Fremdartiges Licht

Britten ist nicht nur unsichtbar in den Institutionen präsent, sondern auch konkret musikalisch im weitgefächerten Programm des Festivals. In diesem Jahr spielte das ausgezeichnete junge Castalian Quartet das zweite Streichquartett von 1945, eine Hommage an Henry Purcell mit sinfonischen Dimensionen. Britten operiert hier mit historischen Formideen und schliesst provokant mit dem C-Dur-Akkord – Tonalität erscheint plötzlich in einem neuen, fremdartigen Licht.

Wegen solcher Ideen hat vor allem die deutsche Avantgarde über Britten stets die Nase gerümpft. Auf der Insel hingegen gilt er als Jahrhundertfigur, und dies bei einem breiten Publikum – verständlich angesichts eines Werks wie dieses Quartetts, das durch seine emotionale Kraft und musikalische Intelligenz unmittelbar anspricht. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich auch hierzulande mit dem instrumentalen Schaffen dieses Komponisten etwas näher zu befassen.

Erst recht drängt sich dieser Gedanke bei den ebenfalls 1945 entstandenen Holy Sonnets of John Donne. Britten schrieb den Liederzyklus nach dem denkwürdigen Konzert, das er gleich nach Kriegsende zusammen mit Yehudi Menuhin vor den befreiten Häftlingen im deutschen Konzentrationslager Bergen-Belsen gegeben hatte. Der Schrecken und die Empörung über das Gesehene hallen in den Liedern nach und verbinden sich mit der inneren Zerrissenheit der Gedichte zum aufwühlenden persönlichen Bekenntnis. Das ist grosse Kunst von zeitloser Aktualität. Der Tenor Mark Padmore, am Klavier unterstützt von Andrew West, traf den Tonfall perfekt, und vor dem Konzert führte er mit der Schriftstellerin Lavinia Greenlaw und der Musikologin Kate Kennedy auf der Bühne ein kenntnisreiches Gespräch über die Lieder und ihre Autoren.

Mark Padmore im Gespräch über Brittens «Holy Sonetts of John Donne». Foto: Aldeburgh Festival

Weiter ästhetischer Horizont

Von den Künstlern locker moderierte Konzerte sind ein Markenzeichen des Festivals, das sich erfolgreich um den Abbau kultureller Barrieren bemüht. Der ästhetische Horizont ist weit gefasst, auch Sperriges von Boulez bis Birtwistle findet seinen Platz. Oder, wie im Klavierabend von Pierre-Laurent Aimard, kaum Bekanntes von Luigi Dallapiccola und die pianistisch imposanten Shadowlines von George Benjamin. Den Gegenpol markierte das englische Vokalensembles Tenebrae mit Werken der englischen Renaissance, vorgetragen in vollendeter Reinheit und gemischt mit Vokalsätzen von James MacMillan, der an diese Tradition anknüpft.

Als Artist in Residence wurde diesmal neben Padmore und der Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan auch der 1963 in Innsbruck geborene Thomas Larcher eingeladen, Komponist und ehemaliger Klavierprofessor in Basel. Von ihm erklang nun unter anderem der Liederzyklus A Padmore Cycle, den er dem befreundeten Sänger gleichsam auf den Leib geschrieben hat. Larcher geht hier konsequent seinen Weg zwischen Miniaturen à la Kurtág und Schubert-Reminiszenzen, musikalischen Alltagsimpressionen und neotonalen Einsprengseln. Auch in Poems, zwölf Stücke für Pianisten und andere Kinder, klingen solche Töne an. Gekonnt thematisiert er seine alpine Herkunft und Nähe zur Natur, deren Verlust er zugleich in zivilisationskritischer Manier beklagt. Damit erweist er sich als echter Romantiker unserer Zeit.

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