Reise durch ein Meer von Möglichkeiten

Nach «Chorlabor», das Laienchöre mit den zeitgenössischen Komponisten Matthias Heep, Leo Dick und Sylwia Zytynska zusammenführte, lancierte die Basler Gare du Nord ein Folgeprojekt. Abschliessend präsentierten Mitte Mai drei Chöre ihre aus der Improvisation entwickelten Musikstücke.

A. Schaerer, I. Wiss, Ch. Zehnder mit den Chören ATempo!, bâlcanto, Kultur und Volk. Foto: Ute Schendel,Foto: Ute Schendel,Foto: Ute Schendel,Foto: Ute Schendel

Kann ein Laienchor aus «nichts» einen ganzen Konzertabend gestalten? Dieser Herausforderung haben sich die Basler Chöre Kultur und Volk sowie bâlcanto und der Jugendchor ATempo! der Musikschule Basel improvisierend gestellt. Das Resultat der langen und teilweise auch mühsamen «Reise» war eine einstündige Performance: Sie wirkte berührend und witzig, manchmal aber auch etwas ratlos lassend.

Gemäss dem Konzept von Projektleiterin Johanna Schweizer erhielten die drei Chöre von der Gare du Nord und dem Kunstmuseum Basel einen «Freipass», in der Ausstellung Basel Short Stories. Von Erasmus bis Iris von Roten Inspirationen für ein zu entwickelndes Werk zu sammeln. In verschiedenen Etappen, sogenannten «Looping Journeys», wurden seit April 2018 drei neue Musikstücke kreiert. Dieser Prozess erforderte eine gehörige Portion Mut, wenn man etwa im Rhein schwimmend Sännelä hojahoo singen musste.

Unterstützung bei diesen Abenteuern erhielten die Chormitglieder von drei Cracks der improvisierenden Musikszene, den Stimmperformern Christian Zehnder und Andreas Schaerer und der Sängerin Isa Wiss. Sie führten die Choristinnen und Choristen durch ein schier endloses Meer von Geräuschen und Gestaltungsmöglichkeiten. «Für viele Teilnehmende war die improvisatorische Freiheit eine grosse Herausforderung, in der sich vor allem am Anfang einige von ihnen verloren fühlten», erläuterte Schweizer.

Zudem sollten die Chöre einen Weg finden, die neu entwickelte Musik auf Papier festzuhalten – eine Annäherung an grafische Notationen also. Das Resultat gestaltete sich dann aber anders, denn den Leitfaden des Abends bildeten Videosequenzen von Paula Reissig, die unaufgeregt und gewieft Takt und Inhalt vorgaben – Improvisation und Struktur sollten sich so ergänzen, zumal Texte fehlten, was dem Publikum das Verständnis etwas erschwerte.
 

Drehende Bewegungen auf dem Eis

Die gewählten Themen spiegelten in auffallender Weise den Charakter des jeweiligen Chors, der seine Stärken so in die Performance einbrachte. Der Abend begann mit dem Chor Kultur und Volk, der zum Film Frick und Frack über das Basler Eisläufer-Duo Werner Groebli und Hansruedi Mauch improvisierte. Passend dazu amtete als Coach der auf neue alpine Musik spezialisierte Christian Zehnder.

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Chor Kultur und Volk mit Christian Zehnder

In Reissigs Video waren weniger die Kapriolen der Eiskunstlaufhelden zu sehen, als das sie umjubelnde Publikum. Stimmige, in sich drehende, manchmal etwas langatmige Sequenzen, die der Chor mit spielerischen Bewegungen und Tonfragmenten untermalte: In drei Gruppen eingeteilt, wurde geklatscht, geraunt und im Rhythmus «gesungen». Es war eine durch Bilder initiierte Abfolge, die in einem Jodellied, dem «Zuger», gipfelte.

Improvisierend ins Delirium

Etwas schwieriger gestaltete sich die Wahl des Jugendchors ATempo!, der sich unter der Leitung von Andreas Schaerer mit dem Erfinder des LSD, Albert Hofmann, auseinandersetzte. Liegende, an der Minimal Music orientierte Gesangslinien begleiteten und untermalten Videoeinspielungen, die abstrakte Frequenzkurven zeigten oder Laboransichten mit einer sich drehenden Metalltonne. Wenig Entwicklung also, Längen waren eigentlich vorprogrammiert.

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Andreas Schaerer und der Jugendchor ATempo! der Musikschule Basel

Zur Einstimmung auf ihr Projekt hatten die Jugendlichen Verkehrsgeräusche am Wettsteinplatz erforscht oder im Badischen Bahnhof zu «Rausch und Delirium» improvisiert. Als Folge äusserten zwei junge Chorsänger, sie würden nun mutiger singen, «egal, was die anderen denken». Gemeinsam gelang es dem Chor, die inneren Vorgänge in Bewegung zu bringen, etwa durch das kreuzweise aneinander Vorbeilaufen mit an- und abschwellenden Gesangskurven, mit Dissonanzen und Konsonanzen.

Stimmcollage als Friedenssuche

In eine ganz andere Welt entführte unter der Führung von Isa Wiss bâlcanto, ein international zusammengesetzter Chor. Er wählte den zivilreligiösen Aspekt des Basler Friedenskongresses 1912. Ein abstraktes Thema also, zu dem Fotos zur Verfügung standen, aber keine «laufenden Bilder». Trotzdem wurde die Performance dank einer choreografierten Bewegungsabfolge und den neuen Videosequenzen zu einer gelungenen «Demonstration».

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bâlcanto

Aus dem Nichts stapften die Akteure auf das Podium, begannen leise und dann immer lauter zu nuscheln, einzelne Wortfetzen wie «Gerechtigkeit» oder «Volk» schwirrten durch die Luft und im Tohuwabohu begann eine Frau laut zu krächzen. Dazwischen entwickelte sich ein berührender Choral. Das Stück schloss mit einer Glockenimprovisation, zu der sich nach und nach alle Beteiligten auf die Bühne begaben.

Es folgte eine Schlussimprovisation, bei der man die rahmengebenden Videoeinspielungen leicht vermisste. Für die Teilnehmenden aber war wohl gerade dieser Schluss wichtig, wie es eine Chorsängerin formulierte: «Das Zusammentreffen der Chöre! What an inter-generation project!»
 

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