Durchmischte Szenen und Generationen
Das diesjährige Taktlos-Festival wurde vom Gitarristen Manuel Troller kuratiert. Es war ihm ein voller Erfolg beschieden.

«Waghalsige Musik zwischen den Genres und abseits des Mainstreams» – so definierte der rührige Festival-Mitbegründer Fredi Bosshard einst die Ausrichtung von Taktlos. Daran hat sich auch unter der neuen Regie nichts geändert. Zum zweiten Mal wurde die Veranstaltung heuer vom Taktlos-Verein (Präsident Tapiwa Svosve, Vize-Präsident Gregor Frei) organisiert, nachdem zuvor 34 Jahre lang der Verein Fabrikjazz verantwortlich gezeichnet hatte. Zum neuen Konzept gehört es, dass der Programmgestalter oder die Programmgestalterin von Jahr zu Jahr wechselt. 2018 machte der Schlagzeuger Lucas Niggli den Anfang. Diesmal fiel die Wahl auf den Gitarristen Manuel Troller, der sich einerseits mit der weit über die Schweizer Grenzen bekannten Post-Avant-Rock-Band Schnellertollermeier, andererseits mit eigenwilligen Solowerken sowie Kollaborationen unter anderen mit dem Schriftsteller Michael Fehr hervorgetan hat. Bei seiner Auswahl sei es ihm auf «Eigenständigkeit und Originalität der einzelnen Musikentwürfe» angekommen, sagt Troller: «Dass sie mich bewegen, überzeugen und begeistern.» Weiter habe er darauf geachtet, dass die beteiligten Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Szenen und Generationen stammten, wovon er sich auch eine entsprechende Durchmischung des Publikums erhoffe. «Nicht zuletzt waren mir klare künstlerische Haltungen wichtig. Das ist für mich ein zentraler Anspruch, den ich auch an meine eigene Arbeit stelle.»
Hingabe ohne Unterwerfung
Standesgemäss trat Troller selber am Donnerstag in der Kanzlei zur Festivaleröffnung an. Er tat dies mit Andi Schnellmann (Bass) und David Meier (Drums), die zusammen die Band Schnellertollermeier ausmachen. «Die scharf konturierten Grooves und minimalistischen Gitarrenläufe bleiben einem im Gehör hängen wie ein Popsong», konnte man im Programmheftchen lesen. Nun, ganz so weit würde der Schreiber dieser Zeilen nicht gehen. Auf jeden Fall aber geht von den intensiven Repetitionen und den subtilen Verschiebungen innerhalb der Stücke eine hypnotische, transportive Kraft aus. Wohltuend zudem die brachiale elektrische Lautstärke des Trios. Sie verlangt vom Publikum Hingabe und Konzentration, verwehrt ihm indes, sich in der ärgerlichen, unterwürfigen Andacht zu üben, welche die Stimmung experimenteller Konzerte dann und wann prägt.
Mit ihrem Eröffnungsauftritt lieferten Schnellertollermeier gleich einen der Höhepunkte des Festivals. Ihm folgte die französische Pianistin Eve Risser. Der Tastatur des Flügels kommt in ihren perkussiven Händen kaum mehr Bedeutung zu als den klanglichen Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn irgendwelche Gegenstände in den Schallkörper geworfen, geklemmt und geschoben werden. Ich muss gestehen, dass es mir nicht gelang, den resultierenden Sounds irgendwelche Freuden abzugewinnen. Da machte Joshua Abrams mit seiner Natural Information Society aus Chicago den Zugang schon leichter. Auch sie arbeiten mit Repetition, streuen filigrane Details in die Muster ein, die sich in blumiger Schönheit langsam entfalten. Die Instrumentierung allein – Gimbri, indisches Harmonium, Bassklarinette, Perkussion – ist ein Garant für ungewöhnliche Klangerlebnisse. Auch gemahnte der Auftritt mit all den exotischen Gewändern, Instrumenten und Bärten wohltuend an alte Zeiten, wo das Wort «Laptop» noch nicht erfunden worden war und sich jeder vernünftige Mensch von Kopf bis Fuss in Patschuli hüllte.
Soloflüge und Gipfeltreffen
Schnellertollermeier, Eve Risser und Joshua Abrams: der stilistische Bogen des ersten Taktlos-Abends hätte weiter kaum gespannt sein können und erfüllte damit perfekt Trollers selbstauferlegte Vorgabe. Das zahlreich erschienene Publikum – die Kanzlei war praktisch ausverkauft – erfüllte in seiner altersmässigen Mischung die Hoffnungen ebenfalls voll und ganz. Kaum weniger weit gefächert und spannend gestalteten sich die weiteren Abende. So konnte etwa die Sängerin Sofia Jernberg krankheitshalber nicht zum geplanten Duett mit der Saxofonistin Mette Rasmussen antreten – Rasmussen schaffte es aber problemlos, die Bühne solo zu beherrschen. Ihre manchmal fulminanten, manchmal zarten, manchmal auch witzigen Stücke waren wohltuend kurz, fokussiert und verspielt. Das Trio von Camille Emaille (Drums), Hans Koch (Sax, Klarinette) und dieb13 (Turntables) wurde angekündigt als «eine Art Gipfeltreffen der Geräuschkunst». Mich beschäftigte die Frage am meisten, wie genau dieb13 seinen Plattenspielern diese Klänge abringen konnte. Mit einem kraftvollen und doch meditativen Soloauftritt setzte Manuel Troller am Samstag im Club Zukunft ein weiteres Festival-Glanzlicht.