Zwischen Tiflis und Zürich

Das Festival Close Encounters, das aktuelle Musik aus der Schweiz und Georgien zusammenführt, fand zum sechsten Mal statt. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Bild: close encounters/Maja Sumbadze

Junge Weltstars der Klassikszene stammen aus Georgien; der Georgier Gija Kantscheli war nach Glasnost einer der meistbeachteten zeitgenössischen Komponisten, auch dank Luigi Nonos Support und seinen CDs bei ECM. Die Musiktradition des Landes ist respektabel, und das 1917 gegründete, lange sowjetisch geprägte Konservatorium von Tiflis das älteste der Region. Da erstaunt es doch, dass erst vor zwei Jahren das erste georgische Ensemble für zeitgenössische Musik gegründet wurde. Kürzlich trat «Georgia Modern» in Zürich beim Festival «Close Encounters» auf, und es präsentierte Musik, die irgendwie dem Klischee neotonaler, weiträumiger, osteuropäischer Klanglandschaften entspricht – und doch nicht. Die Mischung lässt aufhorchen. Die jüngeren Komponisten Demetre Gamsachurdia und Giorgi Papiashvili bewegen sich in einem stilistischen Niemandsland, fern von Rezepturen.

Freundschaftliche Begegnungen

Das Konzert zeugte auch von der Qualität der Musiker. Der Komponist Reso Kiknadze, seit 2012 auch Rektor der Musikhochschule von Tiflis, hob in einem Gespräch hervor, wie wichtig die Gründung dieses Ensembles sei. Er betonte aber auch, wie sehr ihm das Festival in all den Jahren geholfen habe. Der Kontakt ist wichtig. Ob es allerdings eine «unheimliche Begegnung der dritten Art» war, wie bei uns ja der Titel von Steven Spielbergs Film Close Encounters jeweils übersetzt wird? Wenn es sich um eine Begegnung mit dem Fremden, wenn auch nicht Ausserirdischen, handelt, dann – so suggeriert die Spielberg-Assoziation – ist es eine positive, nicht von Angst und Horror getragene, sondern eine der Inspiration und Horizonterweiterung. Gegründet wurde das helvetisch-georgische Festival 2005 von Tamrika Kordzaia und dem Komponisten Felix Profos. Die Pianistin, die 1997 selbst aus Georgien in die Schweiz kam, leitet es heute noch und hat es stilistisch geöffnet. Dieses «Festival für aktuelle Musik» bietet nicht nur Avantgarde, sondern ein weites Spektrum, in dem zum Beispiel auch Clubkonzerte Platz haben, und es sucht die Begegnung auch jenseits des Musikalischen. So lud Kordzaia diesmal den Schweizer Architekten Peter Zumthor ein.

Nicht nur Musik aus den beiden Ländern wird ausgetauscht, auch die Musikerinnen, Musiker und Musikinstitutionen begegnen einander. Das ist bereichernd für beide Seiten. Kiknadze, der zuvor an der Musikhochschule Lübeck und dort vor allem im Bereich elektronischer Musik arbeitete, meint, dass das Musikleben in Tiflis sehr lebendig sei und sogar fast aufregender als in Deutschland. Tatsächlich ist das Neue dort oft noch neu. Es gibt eine Neugier für das Experiment – und ein Publikum. Der Kunstraum Walcheturm war zwar beim Konzert von Georgia Modern ganz ordentlich besetzt, aber in Tiflis füllt das Ensemble grössere, wenn auch nicht die ganz grossen Säle. Vor allem kämen sehr viele jüngere Leute ins Konzert, meint Kordzaia.
 

Bereichernder Stilmix

Stilistisch lässt sich das nicht einengen. Alexandre Kordzaia zum Beispiel, der heute in Den Haag und Tiflis lebt, komponiert Werke für klassische Ensembles, mixt aber auch poppige Songs. Beim Festival war er an Flügel und Elektronik mit dem Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor zu erleben – im Gemeinschaftsprojekt «SHWUIIT», das auch frei improvisierte Passagen enthält.

Das Mondrian Ensemble wiederum trat zusammen mit der Komponistin Natalia Beridze auf, die auch als Tusia oder T.B. unterwegs ist. Sie ist Autodidaktin und produziert vor allem elektronische Musik. Mapping Debris heisst ihr Stück für Klavierquartett und Elektronik, das auf Sound- und Vocal-Samples basiert, die, so das Programmheft, «ungebraucht auf der Harddisc der Komponistin lagen. Diese Sound-Fetzen gleichen den Trümmern eines abgestürzten Flugzeugs, in welchen nur schwer eine komplexe Struktur zu erkennen ist und die erst beim analytischen Zusammensetzen wieder Sinn ergeben.» Trümmerhaft wirkt die Musik gerade gar nicht, sondern ziemlich geordnet, aber die Zusammensetzung ist tatsächlich ungewöhnlich: ruhige Streichergesten, heterogene Tonfelder, poppige Einsprengsel und Geräuschfragmente. Der Mix scheint mir zwar nichts genuin Georgisches zu sein, er entstammt vielmehr einer Strömung, die schon vor Jahrzehnten in den USA, etwa mit dem Kronos Quartet, begann. Aber es entsteht doch eine eigentümliche Musik, die einen danach weiter beschäftigt.

Elektronische Musik hat in Georgien eine besondere Stellung. Das liegt auch an Reso Kiknadze, der diese bereits ältere Entwicklung stark fördert. Als Rektor des altehrwürdigen Konservatoriums hat er nicht nur das Fach Jazz installiert, sondern auch einen Lehrgang für Musiktechnologie. Im ganzen Kaukasusgebiet ist es die einzige Schule, die so etwas anbietet, und so kommen auch Studierende aus den umliegenden Ländern, etwa aus dem Iran, nach Tiflis. Das bereichert die Szene und wirkt weiter.
 

http://www.closeencounters-festival.ch
 

Das Konzert aus dem Moods Zürich vom 3. Februar 2019 steht auf Youtube.
 

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