Stradivarifest in Gersau

Das Stradivari-Quartett bespielte ungewohnte Konzertorte in Gersau und Umgebung und führte erstmals eine «Stradivariclass» durch.

Der Gersauer Nauen «Republik» als Konzertpodium. Foto: Denise Gerth,Foto: Denise Gerth

Neben hochklassigen Interpretationen zeichnet sich das Schweizer Stradivari-Quartett immer wieder durch kreative und ungewohnte Konzertformen und -orte aus. Dies zeigte sich auch beim jüngst zu Ende gegangenen Stradivarifest in Gersau und Umgebung. Es wurde mit dem Mythenkonzert im Mythensaal des Brunner Hotels Waldstätterhof eröffnet. Die Cellistin und Leiterin des Quartetts, Maja Weber, sorgte im Duo mit dem Pianisten Per Lundberg mit Sergej Rachmaninows Sonate in g-Moll op. 19 und – durch den Geiger Xiaoming Wang zum Trio erweitert – mit dem Trio in B-Dur D 898 von Franz Schubert für einen vorzüglichen Start.

Im Konzert in der Pfarrkirche Gersau präsentierte das mit Sebastian Bohren, Violine, und Lech Uszynski, Viola, komplettierte Stradivari-Quartett mit Maurice Ravels und Claude Debussys Streichquartetten eine bewährte Werkkombination. Zwischen den beiden französischen Kompositionen sorgten die Trois pièces pour quatuor à cordes von Igor Strawinsky für einen erfrischend-belebenden, einige Zuhörer vermutlich gar irritierenden Kontrast. Mit der Standing Ovation am Konzertende machten aber auch diese klar: Sie erlebten ein hervorragend interpretiertes musikalisches Programm.
 

Auf dem Berg und über den See

An der Matinee auf Rigi Scheidegg bespielte das Stradivari-Quartett mit Tangos von Astor Piazzolla eine stilisierte Arche mit 360 Grad Rundsicht. Ungewohnte Konzertumgebungen bieten bekanntlich stets die Chance für ungewohnte Musikerlebnisse. Dies, und nicht der billige Versuch partout «anders» zu sein, ist der Grund, warum sich das Quartett nicht vor überraschenden Konzertorten scheut. Dass sich durch die je anderen Aufführungsbedingungen oft anspruchsvolle interpretatorische Anforderungen stellen, versteht sich. Das Publikum spürte allerdings nichts davon.

Die Gersauer Seebühne und die Abendstimmung über dem Vierwaldstättersee boten den Rahmen für die Serenade am See mit dem Streichquartett in a-Moll op. 13 von Felix Mendelssohn und Franz Schuberts Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass in F-Dur D 803. Das faszinierende Ensemble von Natur, herausragenden Kompositionen und inspiriert wie engagiert zu Werke gehenden Interpreten sorgte für ein Musikerlebnis der besonderen Art: Kammermusikalisch Intimes, Passagen von sinfonischem Gestus, virtuos und teilweise solistisch Brillierendes sowie hör- und sichtbares, gescheites Dialogisieren und Kommunizieren lösten sich ab.

Die Konzerte bei der Tellskapelle und auf dem Rütli, der bekanntesten Wiese der Schweiz, waren ebenfalls durch den jeweiligen Genius loci geprägt. So kam beim erstgenannten eine für das Stradivari-Quartett adaptierte Fassung der Ouverture zu Gioacchino Rossinis Oper Wilhelm Tell zur Aufführung; auf dem Rütli getreu dem Konzertmotto «Musikalische Schweizer Delikatessen» Werke von Adolf Reichel (Spaziergang, letzter Satz), vom Brunner Komponisten Othmar Schoeck (Streichquartett Nr. 2 in C-Dur) und von weiteren Schweizer Komponisten. Als musikalische Referenz an die vier Kantone rund um den Vierwaldstättersee erklangen eigens für das Rütlikonzert arrangierte Volksmusikstücke aus Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern. «Darf und soll man das?», mögen Kammermusikpuristen fragen. Die Antwort lautet in beiden Fällen ja, wenn das Resultat so respektvoll und stimmig dargeboten wird und die Konzertumstände dazu einladen. Da war jedenfalls nicht die Spur von anbiedernder Volkstümelei zu vernehmen.

Ein weiteres sehr unkonventionelles Konzertpodium bot der Gersauer Nauen «Republik». Zu den Zuhörern auf dem traditionsreichen ehemaligen Transportkahn gesellten sich 70 weitere Personen, welche eigens für die sogenannte Stradivariclass im Rahmen des Gersauer Stradivarifestes aus China angereist waren. Sie lauschten den Quartettklängen an Bord eines Gesellschaftsbootes, das auf «hoher See» am Nauen vertäut wurde. Wiederum war es interessant, Werke in einer Umgebung zu erleben, welche andere Facetten der Kompositionen erfahrbar werden liess als gewohnte Konzertörtlichkeiten. Dieses Ausloten von akustischen Potenzialen und aussermusikalischen Wirkungen auf die Wahrnehmung ist dem Stradivari-Quartett eine Herzensangelegenheit.
 

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Tangos in der Arche auf der Rigi Scheidegg

Eine Art Meisterkurs

Die Musiker des Quartetts und der Pianist Per Lundberg boten erstmals unter dem Label Stradivariclass Unterrichtslektionen für talentierte Kinder und Jugendliche aus China an. Die rund 30 Schülerinnen und Schüler erlebten im Einzelunterricht wahre Meisterkursatmosphäre. Hier und durch die Konzertbesuche bei ihren Lehrmeistern lernten sie einige Geheimnisse erfolgreicher Berufsmusiker kennen. Das Gelernte zeigten die chinesischen Jungtalente im Konzert im Parkhotel Vitznau. Durch dieses neue Angebot bereitete das Stradivari-Quartett, welches mehrmals jährlich in China, Korea und anderen Staaten Asiens gastiert, die Plattform für einen spannenden künstlerischen, gesellschaftlichen und kulturellen Austausch. Es bleibt zu hoffen, dass dieses jüngste Engagement in den kommenden Jahren weitere Auflagen findet. Eine Idee sei dem Verfasser erlaubt: Wie wäre es, wenn die Quartettmitglieder ein Coaching für junge Streichquartette oder -trios anbieten würden?

Ausführliche Informationen über das Quartett (Leiterin, Mitglieder, Instrumente, Konzerte) und weitere damit verknüpfte Angebote sind hier aufgeführt:

www.stradivarifest.com
 

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