Innen und Aussen
Das Festival Rümlingen bringt die Oper in die Landschaft. «In Szene. 7 Landschaftsopern» heisst das Motto in diesem Jahr.

14 Quadratmeter ist sie gross, diese Tonhalle in klein. In ihr sitzen vielleicht 20 Menschen: vier Streicher vorn auf der Bühne, geschätzte 16 im Publikum. An der Eingangstür dieses hübsch zusammengezimmerten Mini-Konzerthauses moderiert ein Schauspieler. Er informiert über das mit zwei Bratschen besetzte «Streichquartett», zum Beispiel über die Vergangenheit dieses «Henosode-Quartetts» in einer Studenten-WG. Zwischen den meist sparsamen Klängen wird der Bau erklärt, der eine besondere Akustik habe sowie eine ganz spezielle Innenbeschallung. Dann reisst der Darsteller Thomas Douglas immer wieder die Tür auf. Bellende Hunde ärgern ihn oder auch die scheinbar unendlich läutenden Kirchenglocken der Rümlinger Dorfkirche.
Kunst führt ein mitunter seltsames Eigenleben – das gilt auch für dieses Tonhalle-Projekt des Schweizer Komponisten und Theater-Regisseurs Ruedi Häusermann. Nicht von Tieren, Kirchen oder Motorrädern kommen die störenden Umweltgeräusche, sondern aus um die Tonhalle postierten Lautsprechern. Das Thema ist somit gesetzt. Ums Innen und Aussen geht es. Hier der andächtig stille Konzertsaal, dort die unkontrollierbare, zuweilen ärgerlich in die heilige Musiksphäre eindringende Umwelt. Häusermann gestaltet das Wechselspiel amüsant, aber leider zu gedehnt. Zu oft kommen gleiche oder leicht variierte Gags. Was anfangs noch wirkt, wird zunehmend schaler. Ein schönes Thema ist es, nur zu lang.
Opern-Abgesang
Lang ist auch die Klangwanderung im Rahmen des diesjährigen Rümlinger Mottos «In Szene. 7 Landschaftsopern». Dreieinhalb Stunden dauert die naturverbundene Exkursion mit steilen Aufstiegen und sehr verschiedenen Musikstationen. Auf ungefähr 750 Metern Höhe steht eine riesenhafte Sopranistin (Eva Nievergelt) in rotem Gewand. Sie singt Ausschnitte aus Opernarien, kurze Episoden aus Arnold Schönbergs Erwartung, aus George Bizets bekannter Oper Carmen oder aus Benjamin Brittens Peter Grimes. Kaum länger als 1 Minute dauern die Fragmente. Begleitet sind sie von einer Akkordeonistin, die, versteckt unter dem Kleid Nievergelts, Klänge des Schweizer Komponisten Mischa Käser spielt. Spärlich, reduziert, nicht gerade fröhlich klingt das alles. Zum opernhaften Abgesangs-Charakter passen die im Wald verteilten Kostüme: abgenutzte Kleider aus offenbar vergangenen Zeiten, in denen Kassetten-Rekorder stecken. Lo-Fi müssten sie klingen, die verrauschten Aufnahmen von Opern der letzten Jahrhunderte, sagt Mischa Käser. Er hat sich die leeren Kostüme quasi als ausgestorbene Opernsängerinnen gedacht; übrig geblieben ist die Live-Sängerin als letzte Repräsentantin eines sterbenden Genres.
Etwa 50 Höhenmeter unter Mischa Käsers skurrilen, aber sehr gelungenen Opernfragmenten spielt das Stück Im Wald von Manos Tsangaris. Hauptfiguren sind ein Perkussionist und eine Sängerin. Zuerst gibt es verbale und nonverbal-musikalische Dialoge zwischen beiden in der Nähe des Publikums. Dann kommt der grosse Waldraum ins Spiel. Es entfernt sich die Sängerin und singt – im Wald flanierend – weiter. Hinter Bäumen huschen Figuren hin und her, so zehn bis zwanzig Meter weg stehen Pauker. Tsangaris ist ein Multitalent. Lichteffekte bezieht er mit ein, die im Hellen leider nicht so zur Geltung kommen. Nichtsdestotrotz macht auch diese Wald-Szenerie Eindruck.
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- Foto: Kathrin Schulthess
- Eva Nievergelt als letzte Repräsentantin eines sterbenden Genres in Mischa Käsers Opernfragmenten
Kopf-Konzerte
Nein, langweilig ist es nicht in Rümlingen. Das Festival bietet nicht nur Wald-, sondern auch Freiräume. Komponistinnen wie die junge Italienerin Clara Ianotta geniessen es, dass sie experimentieren können fernab vorgegebener Konzertformate, die in der Regel bestimmt sind von Besetzungsvorgaben, Dauern und Frontalpräsentation vor sitzendem Publikum. Das Rümlinger Konzept betont vor allem die veränderte Hörsituation. Ja, es macht schon einen grossen Unterschied, ob der Körper mit im Spiel ist, ob man physisch ausgelastet ist und einfach mal die Berge und Wolken betrachten kann. Der österreichische Komponist Peter Ablinger macht aus dem Hören im Freien eine besondere Pointe. Sieben seiner sogenannten «Beduinenzelt-Kuben» stehen am Waldrand. Die Seiten der quadratischen Holzgestelle sind mit flatternden weissen Stofflaken verhängt. Innen liegen Teppiche, die der Imagination freien Lauf lassen. Ohne Kunst und Opernschwere kann man so einfach die Wolken betrachten, an Gustav Mahler denken, an Beethovens Pastorale oder – auch wenn es der Schweizer Wald ist – an Richard Wagners Waldweben.