Keine Umkehr für Orfeo und Malaspina
«Lamento», Musiktheater nach Claudio Monteverdis «Orfeo» und Salvatore Sciarrinos «Luci mie traditrici» erlebte in der Basler Gare du Nord fünf ausverkaufte Vorstellungen. Regie und Konzept Désirée Meiser, musikalische Leitung Giorgio Paronuzzi und Jürg Henneberger.

Das Projekt Lamento ist einerseits Teil der Veranstaltungen zum 150-Jahr-Jubiläum der Musikakademie Basel, die so mit Sängerinnen und Sängern sowie zwei grossen Ensembles der Musikhochschule und der Schola Cantorum Basiliensis die Vielfalt ihres Ausbildungsangebotes aufzeigen konnte. Zum andern passt es ins Konzept der Basler Gare du Nord, denn gleich in mehreren ihrer facettenreichen Veranstaltungsreihen werden Bezüge zwischen Zeiten, Stimmen und Musiktheater erkundet. Lamento entstand als Koproduktion der beiden Institutionen. An Salvatore Sciarrino ging dazu der Auftrag, für die Aufführungen einen Epilog zu schreiben: Distendi la fronte, der als Uraufführung erklang.
Rollen oder Menschen?
Lamento. «Helden werden zu Tätern», schreibt der Aufführungsprospekt. «Überfordert von ihrem selbst gewählten Vorhaben überschreiten sie ihren persönlichen Point of no return» und enden im Schmerz über den Verlust. Von dieser Handlungsspirale berichtet der Abend. Desaströses menschliches Verhalten bildet er ab durch Szenen aus Monteverdis Orfeo und aus Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen).
Die Handlung setzt damit ein, dass Sängerinnen und Sänger sich zu einem Gesangsseminar einfinden. Zum Klang der sich einspielenden Ensembles ad astra (Schola Cantorum Basiliensis) und Diagonal (Musikhochschule Basel) begrüsst man sich und lernt sich kennen. Darauf beginnt Musica (Monteverdi), die Rollen zu verteilen. Nur Rollen? Oder mehr? Gute zwei Stunden später gehen die Figuren zu den Klängen von Monteverdis Lamento wieder auseinander, gezeichnet vom schrecklichen Geschehen, das sich verwirklicht und sie über die Rollenerfüllung hinaus in eine existentielle Dimension geführt hat. «Sie erleben das Seminar als eine Erfahrung zwischen Leben und Tod, der sie sich emotional nicht entziehen können …» (Programmheft). Sciarrinos neu komponierter Epilog Distendi la fronte (Entspanne die Stirn) glättet die Wogen, sanft und weise: «Wir haben diejenige Zone betreten, wo sich … Vernunft und Wahnsinn vermischen … Wir können nicht blutverschmiert heimkehren …» (Sciarrino).
Lebens- und Leidenswege
In sechs Stationen wird exemplarisch die Tragödie des Menschen gezeigt, der zu seinem persönlichen Point of no return gelangt. Orfeo, auf dem Weg, seine Eurydike aus der Unterwelt zurückzuführen, kann die Bedingung, nicht zurückzuschauen, nicht erfüllen. Er wendet sich nach ihr um und verliert sie auf alle Zeit. Das Darstellungsmittel, Blindenbrille und Blindenstock, von einem der «Coachs» des Gesangsseminars dem Sänger übergeben, erfüllt schön die Funktion, das schwer Vorstellbare anschaulich zu machen. Parallel zu Orfeos Geschichte wird diejenige von Graf Malaspina erzählt, der in die Irre rennt, wenn er keinen anderen Ausweg sieht, als seine Frau für ihre Untreue zu töten. Beide «Helden», Orfeo und Malaspina, erleben die Folgen ihres Handelns als Strafe, der sie nun lebenslang ausgesetzt sind. «Badet mich in Blut. Lebt wohl, lebt wohl, ich werde auf ewig in Qualen leben.» (Malaspina)
Die Stationen der beiden Lebens- und Leidenswege sind dramaturgisch gut gewählt. Auch wenn vielleicht nicht alle Bilder sich sogleich entschlüsseln lassen, so ist die Regie doch überzeugend und eindrücklich auf eine zeitgenössische Theatersprache ausgerichtet. Beherrscht und souverän, mit ausnahmslos ausdrucksstarken Stimmen gestalten die Sängerinnen und Sänger ihre Partien. Die Emotion der Rolle und ihre eigene Gefühlsempfindung sind gleichermassen Teil ihres Spiels. Seitlich der Bühne, symmetrisch angeordnet und fast gleich stark besetzt, sind die Ensembles platziert: ad astra mit üppiger Continuo-Gruppe für Monteverdi, Diagonal mit farbigem Instrumentarium für Sciarrino. Beide erreichen ein präzises und farbiges Spiel.
Gewagter und gelungener Stilmix
Durch die Textbeiträge im Programmheft wird man gut auf die Thematik eingestimmt. Schwer zu sagen allerdings, ob und in welchem Masse dem Durchschnittshörer Parallelen und Übereinstimmungen ästhetischer Art zwischen den so unterschiedlichen Musikstilen zugänglich werden. Faszinierend ist die Realisation jedenfalls. Sie geht zunächst vom ausbalancierten Nebeneinander der Werke aus, um vermehrt auch und in überzeugender Weise Mischungen herzustellen, etwa wenn beide Ensembles einen Monteverdi-Chor mitsingen (ein schöner szenischer Einfall!) oder wenn Violinen aus dem Schola-Ensemble das Spiel des Sciarrino-Ensembles unterstützen. Sogar Überlagerungen der beiden Musiken werden realisiert. Eindrücklich ist zu erleben (und das bestätigt die Konzeptidee vollumfänglich), wie beide Komponisten über einen zeitlichen Abstand von 400 Jahren den Gesang als «Manier» einsetzen. Die auch heute noch zwar unmittelbar ansprechende, aber doch künstliche Wirkung von Monteverdis Gesang (Verzierungen, Affekt) findet eine Parallele in Sciarrinos Art, die Stimme bald kantabel, bald stockend einzusetzen, als bewusster Ausdruck von «Stimme» mehr als von «reiner» Musik. Auch textlich werden so die Türen zu manchen Parallelen geöffnet.
Bleibt zum Schluss, allen Mitwirkenden des grossen Teams zu gratulieren. Offenheit, Können und Souveränität zeichnen sie alle aus. Die bedeutenden Ressourcen der Gare du Nord sowie der Musikhochschule Basel wurden zum Erlebnis. Das Publikum der fünf ausverkauften Vorstellungen (19. bis 24. Oktober 2017) war begeistert.