In die Schopfe gehen
Klanginstallationen im appenzellischen Hochmoor. Wie die Idylle kratzen und das Moor juchzen kann.

Es war ein noch etwas feuchter, aber sich öffnender Sonntagnachmittag, er lud zahlreiche Kunstliebende und Familien ein, hinaus in die Schopfe zu gehen. So sagt man offenbar in der Gegend, entgegen dem sonst üblichen Plural «Schöpfe» des im Hochdeutschen weitgehend ausgestorbenen Schopfs. Denn in dieser Moorlandschaft nahe Gais stehen etliche dieser Ställe und Schuppen, wie überhaupt im Appenzellischen. Und wenn man als Kind schon immer die Neigung hatte, in diese Gebäude einzudringen und das Heu zu zählen, so bot sich hier eine wunderbare Gelegenheit.
«Klang Moor Schopfe» nennt sich das kleine Festival, das erstmals Anfang September stattfand und vielleicht, die Veranstalter wissen es noch nicht genau, eine Fortsetzung finden wird. Die neun Klangorte sind kaum einen halben Kilometer voneinander entfernt – und auch nach ergiebigen Niederschlägen bequem zu erreichen. Ein einheitlich kuratiertes Konzept ergab sich nicht, sollte sich wohl nicht ergeben, das Nebeneinander völlig verschiedener Konzepte war ebenso reizvoll wie lehrreich – zur Frage: Wie gehen denn nun die Künstler in die Schopfe?
Forschen, schiessen, bombardieren
Während die eine, die aus Sibirien stammende und in Genf lebende Olga Kokcharova mit Moosforschern durchs Moor zog und aus den Gesprächsausschnitten eine Rauminstallation schuf, hängte der Österreicher Rupert Huber seine Klänge und eine dazu gehörende, freilich sehr offene Partitur in eine Ecke und machte den Schopf zum kleinen Kunsttempel. Das eine lieferte Dokumentation, das andere Transformation, und beides führte hier etwas zu wenig weit.
Das interessantere Beispiel einer Dokumentation, ja fast Überdokumentation, boten die Berner Ethnologinnen und Ethnologen der Gruppe Norient mit einem Theatre of War, das sie ausgerechnet in einem Schiessstand einrichteten. Mit Kopfhörer und Fernrohr fühlte man sich lokalisiert, nur die Schusswaffen fehlten. Aber genau die wurden dann in den Beiträgen thematisiert, die da zu hören waren. Durch die Berichte von Künstlerinnen und Künstlern aus Kriegsgebieten in Israel, Palästina, Syrien und Serbien wurde ein Erfahrungsfeld aufgetan, just in dieser idyllischen Umgebung, in der halt auch geschossen wird.
Eine Transformation versuchten die beiden deutschen Künstler Albert Oehlen und Wolfgang Voigt, die einen aus Astfragmenten wieder zusammengebastelten Baum mit Lichtblitzen und herben Trommelschlägen bombardierten. Das war dann weniger nett und hehr und demonstrierte eine kaputte Natur. Kein Ort, an dem man gern lange verweilte – aber er blieb doch im Gedächtnis.
Ärgern, aufreiben, verblüffen
Jason Kahn wiederum, der in Zürich lebende US-amerikanische Musiker, erkundete die appenzellische Klanglandschaft und hängte seine auf Blättern notierten Klangeindrücke zusammen mit Gesangsfetzen in einen Stall. Man begegnete einem Städter, der sich nicht wohl in diese rustikale Landschaft einfindet, sich aber damit nicht freundlich abfindet, sondern seinen Ärger mitlieferte, etwa wenn das Geschmetter einer Kuhglocke den Tinnitus in seinem Kopf konkurrenziert.
So haben sich die meisten Künstler eben nicht mit dem hübschen Landschaftsarrangement beschäftigt, sondern sich daran gerieben und gekratzt. Auch einige Aktionen des Rahmenprogramms verdeutlichten das. So ein Schopf oder Stall, wo noch das Heu liegt und es ein wenig nach Kuh riecht, hat natürlich ein eigenes Cachet, wenngleich ich bei aller Klanginstalliererei doch einmal anfügen möchte, dass eigentlich jeder Raum eine besondere Wirkung hat, wenn man ihn ausstellt und mit Klang versieht. Deshalb wirkten denn auch der klingende und neonleuchtende blaue Quader von Norbert Möslang oder die Feinklang erzeugenden Wassermaschinchen von Svetlana Maraš. Solche Einfachheit – egal in welcher Umgebung – hat durchaus etwas Rätselhaftes, obwohl sie kaum zu überraschen vermag.
Berühren, schweben, juchzen
Zwei andere Räume verblüfften da eher. Die «Living Instruments» des Perkussionsensembles WeSpoke und der Biologengruppe Hackuarium bestehen eigentlich vor allem aus einem vermoosten Raum. Zwei der Moosflächen lassen sich berühren und betatschen streicheln und kratzen – wodurch elektronische Klänge ausgelöst werden. Man konnte sich im Spielen verlieren.
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- Foto: Thomas Meyer
- Zimoun lässt den Schopf schweben
Mit solcher Vielfalt wurde man bei dieser Reise nach Gais gelohnt. Nur einer natürlich fehlt nun noch, der im Appenzellischen nicht fehlen darf. Sprengmeister Roman Signer lieferte diesmal nur «einen tiefen Ton», der freilich jedesmal auf einer anderen Tonhöhe daherkam, wenn er jeweils über den Bewegungsmelder ausgelöst wurde. Er dröhnte beim neunten Schopf wie aus dem letzten Rohr über die Landschaft und rief so nochmals die kleine Weite und die Einsamkeit ins Moor hinaus, einem Minimal-Juchzer aus der moorigen Unterwelt gleich.
Das Festival dauert noch bis am 10. September.