Die Spielwiese als Experimentierfeld
Wie gewohnt wurden auch am diesjährigen Davos-Festival Hörgepflogenheiten hinterfragt und neue Formen vorgestellt. Zum Beispiel die Spielbox, der kleinste Konzertsaal der Welt.

Die Glastür des Konzertsaals wird geöffnet. Der Pianist steht auf und begrüsst mich persönlich. Aus den Karten, die er mir hinhält, ziehe ich George Gershwins Embraceble You in einer Bearbeitung von Earl Wild. Dann nehme ich auf dem einzigen Sessel Platz. Niemand raschelt mit dem Programmheft, keiner hustet. Ich bin ganz alleine mit Benjamin Engeli, der am Konzertflügel die ersten zarten Töne spielt. Die Welt draussen vor der Glasscheibe ist weit weg.
Die hin- und herwogenden Akkordbrechungen verbinden sich mit den gefrästen Wellen auf der Holzwand zu einem Ozean, auf dem ich mich gerne treiben lasse. Der Klang des Konzertflügels, der nur einen Meter von mir entfernt steht, umarmt mich, bis ich wieder, ganz von Musik erfüllt, in den Alltag entlassen werde. Ein Handschlag, ein paar Worte, dann ist der nächste Konzertbesucher an der Reihe. Die sogenannte Spielbox, die erstmals beim Davos-Festival (Young Artists in Concert) in Betrieb ist, war schon länger ein Traum des Intendanten Reto Bieri – jetzt wurde sie von einer ortsansässigen Schreinerei realisiert. Der gläserne, schallgedämmte Container mit dem schönen Holzboden kann überall hingestellt werden. «Die Konzertsäle werden immer grösser, die Programme austauschbarer. Dabei geht häufig das individuelle Musikerlebnis verloren. Wir bieten in Davos nun mit dem kleinsten Konzertsaal der Welt die grösste Exklusivität», sagt Bieri. Ein Musiker trifft auf einen Zuhörer: persönliche Begegnung statt Massenevent. Die Spielbox sorgt für Intimität, Direktheit und oftmals grosse Emotionen. Auch Tränen sind schon geflossen bei diesen fünfminütigen, kostenlosen Konzerten, die während der Festivalzeit jeden Tag zwischen 11 und 12 Uhr auf dem belebten Bubenbrunnenplatz zu geniessen sind. Insgesamt 32 Stücke wurden für den 18 Quadratmeter grossen Raum komponiert – von Rico Gublers sich auflösendem Walzer bis zu Fake News von Reto Bieri selbst, bei dem der Zuhörer heftige Emotionen vorspielen muss. Am Sonntagmorgen sind alle möglichen Termine schon reserviert. Auch der neunjährige Jon Arvid schaut mit seiner Familie vor einer Mountainbike-Tour bei der Spielbox vorbei. «Ich war schon etwas aufgeregt, aber dann war der Pianist sehr nett und hat mir etwas zu dem Stück erzählt. Es ging um Vögel, die in der Mittagszeit weniger pfeifen.» Maurice Ravels Oiseaux tristes wird für Jon Arvid zum persönlichen Naturerlebnis. Auch für den Pianisten Benjamin Engeli ist die Eins-zu-eins-Situation in der Spielbox aussergewöhnlich. «Die Reaktion des Zuhörers ist extrem direkt – so ein ehrliches Feedback hat man sonst nie im Konzertsaal.»
Theaterspiel in Kirchners Kulissen
In Davos wird mehr über Musik nachgedacht als bei anderen Festivals. Hörgewohnheiten werden hinterfragt, neue Konzertorte ausprobiert – ob am See, auf der Alp oder im Bahnhof. Das Jahresmotto ist dem Alltag entnommen. Nach «Kreisverkehr» und «Familienzone» hat Reto Bieri im dritten Jahr seiner Intendanz den «Spielplatz» zum Leitthema gewählt. Der Name ist Programm. Im Morgenkonzert «Schachzüge» in der Pauluskirche spielt Alexander Boeschoten mit Wilhelm Zobls Schachwalzer Nr. 1 eine Partie von Karpow gegen Kasparow am Klavier nach – die Takte des Strausswalzers werden nach Schachfeldern kombiniert. Bei der langen «Homo-Ludens-Nacht» im Hotel Schweizerhof trifft Mozarts beim Kegeln komponiertes Kegelstatt-Trio auf die von Gilles Grimaître vibrierend gespielte Jazzsonate für Klavier solo von George Antheil. Die Chopin-Performance des polnischen Ensembles Małe Instrumenty auf verstimmten Spielzeugklavieren erinnert in ihrer Absurdität ein wenig an den legendären Hurz-Auftritt von Hape Kerkeling. Aber auch für Nonsens ist Platz auf Reto Bieris Spielwiese, die immer auch ein Experimentierfeld ist.
Mit dem 13-köpfigen Davos-Festival-Kammerchor unter der Leitung von Andreas Felber steht ein erstklassiges Vokalensemble zur Verfügung, das unter anderem Paul Alpenzellers Volksstück Die Tochter vom Arvenhof (1920; Regie: Inge Krichau Sadowsky) mit Schubert-Gesängen eine besondere Note gibt. Dafür wurde im Kirchner-Museum Davos extra ein Gasthaus eingebaut. Die gemalten Kulissen stammen von Ernst Ludwig Kirchner selbst, der vor hundert Jahren erstmals nach Davos kam und immer wieder als Theatermaler für das lokale Laienspiel engagiert wurde. Das tägliche, gut besuchte offene Singen des Kammerchors ist aus dem Festivalprogramm nicht mehr wegzudenken.
Zwischenspiele in der Schalterhalle
Insgesamt 80 junge Instrumentalisten aus 20 Ländern sind während des gesamten zweiwöchigen Festivals bei einem für Schweizer Verhältnisse eher bescheidenen Etat von 750 000 Franken vor Ort und präsentieren sich in verschiedenen Formationen, vom Duett bis zum Kammerorchester. Das Frankfurter Aris-Quartett zeigt eine hochdramatische, fein verästelte Interpretation von Felix Mendelssohns f-Moll-Quartett op. 80. Die Schweizer Cellistin Chiara Enderle besticht nicht nur bei Olli Mustonens Sonate für Violoncello und Klavier durch Klarheit und grosse Expressivität. Mustonen steht mit seiner tonal gebundenen, spirituell angehauchten, durchaus verspielten Musik als Composer in Residence im Zentrum und ist auch als Pianist und Dirigent zu erleben.
Bieris Versuche, ein neues Publikum zu finden, sind zumindest in der Schalterhalle des Davoser Bahnhofs erfolgreich. Schon vor dem Beginn sind alle Plätze besetzt. Die Ansage erfolgt durch den Bahnhofslautsprecher. Auch die Kinder, die am Boden sitzen, lauschen andächtig dem Bläserquintett von Paul Taffanel. Nur ein Einheimischer, der an den Zuhörern vorbeiläuft, schaut missmutig und murmelt «So ä Schissdreck». Als der junge Schlagzeuger Fabian Ziegler an der Marimba Astor Piazzollas Libertango zum Leben erweckt, herrscht ungeteilte Begeisterung. Die kann auch das regelmässige Zuschlagen der Toilettentür nicht gefährden.
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- Foto: Georg Rudiger
- Fabian Ziegler in der Davoser Schalterhalle
Links zur Berichterstattung in der Neuen Zürcher Zeitung:
Marco Frei: Ein Musiker ist niemals fertig
Marco Frei: Auf Tuchfühlung mit der Zukunft