Vereinte Herzensprojekte
Martin Studer war mit dem Wiener Pianisten Paul Badura-Skoda und dem Duo Praxedis auf Tournee und brachte seine Version von Schuberts «Unvollendeter» erstmals zu Gehör.

Für den Dirigenten und Musikpädagogen Martin Studer ist Musik eine «Lebensschule». Das gilt vor allem für die Arbeit mit dem Neuen Zürcher Orchester, das er vor 25 Jahren gegründet hat. Der Wiener Pianist Paul Badura-Skoda war auf jeden Fall begeistert von der Frische der jungen Musikerinnen und Musiker in diesem Klangkörper, der sein eigenes Spiel als Solist beflügelte. Auch das Duo Praxedis sprüht vor Ideen, wenn hier Mutter und Tochter auf Harfe und Klavier neues Repertoire für diese Besetzung erschliessen. Jeder trug eigene Herzensanliegen in eine von Studer initiierte gemeinsame Konzerttournee nach Graz, Wien, Bern, Zürich und Zug.
Zu diesem Anlass hatte Studer sein Neues Zürcher Orchester mit den hoch motivierten Laien im Alumni-Orchester der Universität Bern vereint, mit dem Ziel, aus Profis und begeisterungsfähigen Laien ein produktives Ganzes zu formen und damit ein intensives Gemeinschaftserlebnis zu ermöglichen. Die Rechnung ging auf und sorgte – nicht nur im Wiener Musikverein – für Beifallsstürme! Schon Bedřich Smetanas sinfonische Dichtung Die Moldau verdeutlichte zum Auftakt alle Qualitäten dieser Konstellation: Nicht um aalglatte Perfektion geht es, dafür umso mehr um Emotion.
Produktives Miteinander
Paul Badura-Skoda spielte Mozarts c-Moll-Klavierkonzert KV 491 zum ersten Mal in den Fünfzigerjahren ein und seither mehrmals wieder. Also brachte der bald 90-jährige Pianist eines seiner Lieblingswerke in dieses grosse Ganze ein. Noch beim letzten Probendurchlauf gibt er vom Flügel aus klare Anweisungen an das Orchester – etwa, wo sich die Holzbläser noch stärker an die melodischen Linien des Klaviers anschmiegen können. Soviel produktives Miteinander macht den Weg frei für die Magie des Augenblicks! Aus grosser Dramatik heraus erhebt Badura-Skoda seine Stimme auf dem Bösendorfer. Das wirkt charismatisch und eindringlich, zugleich tief in sich ruhend. Gerade dieses Klavierkonzert in einer solchen Interpretation zeigt, dass Mozarts Musik viel reicher als einfach nur «schön» ist. Für den grossen Applaus bedankt sich Badura-Skoda mit dem fragil-verspielten Adagio für Glasharmonika.
Praxedis Genviève Hug und Praxedis Hug-Rütti sind auf Harfe und Klavier so symbiotisch aufeinander eingeschworen, wie es ihrer verwandtschaftlichen Bindung entspricht. Die Produktivität der beiden ist überbordend und ihre natürliche Begeisterung versprüht ansteckenden Charme. Für dieses Konzertprogramm haben sie das Doppelkonzert des heute wenig bekannten britischen Frühromantikers Elias Parish Alvars mit neuem Leben erfüllt. Kaum eine andere Musik könnte Mozarts Gestus treffender und leichtfüssiger weitertragen. Nicht so ambivalent und tiefschürfend wie Badura-Skoda, dafür lichtdurchflutet und phasenweise auch sehr walzerselig kommunizieren die Praxedis-Damen mit Studers Orchester.
Weiterdenken und weitergeben
Aber dies ist der ambitionierten Vorhaben noch nicht genug! Martin Studer hat schon sehr lange Franz Schuberts Sinfonie h-Moll, die sogenannte Unvollendete, erforscht. Seine Liebe zu den aufwühlenden Melodien nährte den Wunsch, Schuberts spätes Meisterwerk aus seinem unvollständigen Status zu erlösen. Also hat er nach akribischer Analysearbeit das vorhandene Material weitergedacht. Daraus entstanden schliesslich ein neuer dritter Satz und ein ebensolches Finale. Das Resultat wirkt auch bei kritischem Hinhören wie aus einem Guss. Denn eins war Studer besonders wichtig: voller Respekt vor Schuberts Tonsprache und keine «Einmischung» mit eigenen Ideen. Der Dirigent und Arrangeur bekräftigte im Gespräch: «Ich habe es überall so gemacht, wie ich denke, dass es Schubert gemacht hätte.»
Studers Dirigat stachelt im Wiener Musikverein sämtliche Beteiligten dieser Uraufführung zur Höchstform an. Zuverlässig nehmen die dunklen Emotionen gefangen und bauen sich erschütternde Steigerungen auf. Inmitten dieser ganzen Zerrissenheit lebt aber sehr viel Zartheit – und für sie ist nicht technische Perfektion, sondern Einfühlung die Basis.
Im Pausengespräch meinte Badura-Skoda, der im Oktober seinen 90. Geburtstag feiern wird, dass erfahrene Musiker den vielen jüngeren «Kollegen» einen reichen Schatz weitergeben könnten: «Die Fackel muss weiter brennen!»