«La Danse des morts» mit über 100 Jugendlichen

Arthur Honeggers Oratorium «La Danse des morts» stand im Zentrum eines ambitionierten Education-Projekts, das Ende Juni seinen fulminanten Abschluss in der Offenen Kirche Elisabethen in Basel fand.

Foto: Christian Nussbaumer

Die Sache beginnt mit einem Donnerschlag hiess das Education-Projekt des Kammerorchesters Basel, des Chors des Gymnasiums Muttenz sowie der Klassen 2Ea und IBK 1f des Zentrums für Brückenangebote in Basel. Es war der Chorleiter und Schulmusiker Christoph Huldi, der dem Kammerorchester Basel die verwegene Idee vermittelt hatte.

Zusammen mit der Regisseurin Salomé Im Hof gingen über hundert Jugendliche in vierzig Workshops und zahllosen Intensivstunden der Frage nach, wie in verschiedenen Kulturen mit dem Tod umgegangen wird. Es entstanden tänzerische, szenische und musikalische Momentaufnahmen. Besonders fruchtbar war die Begegnung mit den Flüchtlingen, so meinte ein Gymnasiast zur Frage, was ihm am besten gefallen habe: «Die Zusammenarbeit mit der Brückenklasse! Mit Menschen kommunizieren, die türkisch, somalisch oder persisch sprechen. Das verbindet.»

Heikles und Versöhnliches

Der Tod ist zweifellos ein «heisses» Thema, das die Jugendlichen zu bearbeiten und zu bewältigen hatten: Er ist nicht gerade der Favorit im jugendlichen Denken und Arthur Honeggers geniales Oratorium La Danse des morts auf einen Text von Paul Claudel, das 1940 von Paul Sacher in Basel uraufgeführt worden war, ist für Jugendliche eine schwierige Musik, wie Huldi im Gespräch erläutert.

Claudel hatte sich von Hans Holbeins Basler Totentanz-Zyklus inspirieren lassen und fügte eine Reihe alttestamentarischer Texte zusammen. Am Anfang des Oratoriums steht die Vision der Auferweckung Israels, in der Gott die herumliegenden Gebeine wieder lebendig macht. Ein instrumentales Donnergrollen, das am Anfang von Honeggers Musik steht, symbolisiert die Präsenz Gottes. Es gab dem Musiktheater-Abend auch seinen Titel.

Die Erschaffung der Welt, die Auferstehung des Volkes Israel und die christlich verstandene Auferstehung von den Toten vermischen sich zu einem grossartigen musikalischen Kunstwerk. Delikat für die jugendlichen Protagonisten war aber nicht nur das Thema des Zyklus, sondern eben auch Honeggers Vertonung. Rhythmisch heikle Motive, kontrapunktisch gearbeitete Sequenzen, vom Marsch bis zur bizarren Walzerrhythmik oder populäre Lieder wie Sur le pont dʼAvignon durchziehen das Werk; und dies bei einer komplexen harmonischen Struktur.

Wie gelang es Christoph Huldi, die jungen Menschen «bei Laune» zu halten? «Zum einen geniesse ich das Vertrauen der Schülerinnen und Schüler, die meine Projekte kennen», erklärt er. «Sie vertrauten darauf, dass es etwas Gutes ist, das wir planen. Zum anderen kombinierte ich dazu die Funeral Music for Queen Mary von Henry Purcell, eine klingende Chormusik, die gut und gern zu singen ist.»

Zweifellos eine gute Idee, denn lediglich zwei Schüler sprangen ab. Zudem gefiel diese «süffige» Chormusik hörbar nicht nur den Schülern, sondern auch dem Publikum. Purcells versöhnliche Musik aus jugendlichen Kehlen lockerte Honeggers Düsternis merklich auf. Damit erwies sich das rund einstündige Musiktheater als ein stimmiges, auf hohem Niveau gespieltes und gesungenes «Gesamtkunstwerk».

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Foto: Daniel Nussbaumer

Schluchzen, Schreien und am Ende ein Schmunzeln

Eine beeindruckende Leistung vollbrachte Regisseurin Salomé Im Hof mit ihrer theatralischen Umsetzung des Stoffes. Sie liess das Geschehen an drei Tischen ablaufen, an denen das bizarre Tanzfest stattfand oder Völlerei betrieben wurde. Auf stringente Art dramatisierte sie Holbeins Darstellung, in der alle Menschen, unabhängig von Alter und Stand, vor dem Tod gleich sind. Hier standen nun verschiedene Kulturen dem Ende gegenüber, Gymnasiasten aus Muttenz und Klassenmitglieder des Zentrums für Brückenangebote in dezenten schwarzen Strassenkleidern.

Der mit rund 80 Personen besetzte Chor, postiert im Kirchenschiff und auf der Empore, kommentierte nicht nur das Geschehen, sondern vermittelte auch eine stimmige Raummusik. Perkussive Einlagen oder wild durcheinandergesprochene Sequenzen unterbrachen das eigentlich unerbittlich ablaufende Honegger-Oratorium. Die Konzentration und der Mut der jungen Menschen, sich mitten im Publikum zu bewegen, sorgten für einen spannenden Ablauf.

Das Kammerorchester Basel unter Leitung von Thomas Herzog und mit Christoph Huldi als Co-Dirigent legte sich ebenso mächtig ins Zeug wie die Solisten. Da war der erstaunliche Colin Rollier, der dem Récitant jugendlichen Elan einhauchte, und der Bariton Robert Koller, der mit etwas viel Vibrato das Lamento sang. Beklemmend gelang der Schluss von La Danse des morts mit einem schluchzenden und schreienden Chor, der im Pianissimo verebbte.

Doch anstelle des honeggerschen «Nichts» stand in dieser Aufführung ein wohltuend aufgeweichtes und persifliertes Ende durch den letzten Teil der Funeral Music von Purcell. Zu Thou knowest, Lord, the secrets of our Hearts flimmerte auf einer Leinwand ein Comicvideo, das tanzende und springende Skelette zeigte und dem Publikum ein Schmunzeln entlockte.

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Foto: Christian Flierl

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