Mord an einer Diva

Das Theater St. Gallen zeigt seit dem 6. Mai David Philip Heftis erste Oper «Annas Maske». Die Musik und die Inszenierung setzen den dramatischen Stoff distanziert um.

Foto: Iko Freese (Theater St. Gallen),Foto: Iko Freese (Theater St. Gallen)

Ein toller Opernstoff, der selber von Oper erzählt und erst noch auf wahren Begebenheiten (und Gerüchten) beruht: Am 29. Juni 1910 erschoss der Dirigent Dr. Aloys Obrist seine ehemalige Geliebte Anna Sutter und danach sich selber in deren Wohnung an der Schubartstrasse 8 in Stuttgart. Die Sängerin sei an jenem Morgen gerade mit ihrem neuen Liebhaber, dem Bassbariton Albin Swoboda, intim gewesen, als Obrist sie überraschend besuchte. Swoboda versteckte sich in einem Schrank. Nachdem Sutter Obrists Liebesbeteuerungen einmal mehr von sich gewiesen hatte, kam es zu den Schüssen. Der Fall erregte Aufsehen, denn die Sutter war der gefeierte Star der Stuttgarter Oper, etwa als lustige Witwe, Salome und Carmen. Und so berichtete denn die Schwäbische Kronik: «Frln. Sutter liegt im Bett, den rechten Arm weit ausgebreitet, und den linken, der durch die Kugeln verletzt wurde, zusammengebogen. Wie in Carmen, ihrer Hauptrolle, lag sie da.» Zehntausend Menschen nahmen an der Beerdigung teil, und der Schicksalsbrunnen von Karl Donndorf erinnert heute noch im Schlossgarten an den Vorfall. In Vergessenheit geriet er in Stuttgart nie.

2001 gab es dort eine Ausstellung; im gleichen Jahr erschien die Novelle Annas Maske von Alain Claude Sulzer, und auf ihr basiert nun auch die gleichnamige Oper des in St. Gallen geborenen Komponisten David Philip Hefti. Da Anna Sutter selber aus Wil stammte, verfügt dieses neue Stück gewissermassen über doppeltes Heimatrecht in St. Gallen, wo es nun am 6. Mai uraufgeführt wurde (weitere Aufführungen bis 3. Juni). Sulzers Libretto erzählt die Vorgeschichte der Tat, die Aufdringlichkeiten Obrists, seine Entlassung aus dem Theaterdienst, die Liebeleien Sutters und schliesslich die Tat selber – dies in zehn Szenen, umgeben von Pro- und Epilog. Dass Sutters Zofe Pauline und Polizeiinspektor Heid danach ein Paar wurden, bildet den Rahmen.
 

Kluger klanglicher Aufbau

Hefti hatte mit seinem Opernerstling, wie er betont, dreimal soviel Musikzeit zu bewältigen wie je in einer Komposition; und er hat sie gekonnt, kurzweilig und übersichtlich gestaltet. Seine Musik klingt transparent, kommt ohne Hektik daher und verschiesst ihr Pulver nicht allzu früh; im Gegenteil: Sie entwickelt sich über die neunzig Minuten hinweg kontinuierlich auf den eindringlichen Schluss hin. Dort steht ein instrumentaler Epilog, der sich nochmals heftig hinaufschraubt, eine «Schicksalsmusik», wie Hefti sie nennt. Da zeigt sich seine reiche Erfahrung im Umgang mit dem Orchesterapparat. Das Sinfonieorchester St. Gallen steigert sich dabei unter der Leitung von Otto Tausk nochmals auf intensive Weise.

Was Hefti im Orchestergraben treibt und wie er dazu den kleinen Chor nicht agierend, sondern über der Handlung als statischen Kommentator verstärkend einsetzt, verhilft dem Stück zu einer starken Wirkung. Geschickt verwendet er überdies die Perkussionselemente, um Stimmungen zu zeichnen, aber auch als Continuo für den Gesang. Hefti erzählt im Programmheft, wie er bei der kompositorischen Arbeit immer stärker ins Genre hineingewachsen sei. «Ich finde, das merkt man der Oper an. Der erste Teil besteht aus grossen Szenen, in denen das Wort viel Gewicht hat und die Handlung vorbereitet ist. Ungefähr ab der Hälfte bekommt die Musik mehr Raum, dürfen die Klänge sich ausdehnen und atmen.»
 

Fehlende Stimmgewalt

Das ist die Stärke des neuen Stücks, verweist aber gleichzeitig auch auf seine Schwächen. Zu wenig charakteristisch bleibt das Vokale, das Singen/Deklamieren, das Recitar cantando, das aus der Sprache heraus zu einer emotionalen Spannung führen sollte. In dieser Hinsicht wirkt die Oper vergleichsweise flach. Man horcht zwar auf, wenn sich Obrist (Daniel Brenna) zu fast puccinihaften und kitschverdächtigen Kantilenen aufschwingt, man bemerkt, wenn sich ein Carmen-Zitat beimengt, aber das wirkt zu konzipiert, nicht durchdrungen und erlebt. So klar und sangbar die Sprache daherkommt: Darüber hinaus passiert zu wenig. Maria Riccarda Wesseling überzeugt als Anna Sutter, aber ich hätte ihr gewünscht, dass sie zum Beispiel etwas mehr Divenhaftigkeit auch in der Stimme ausspielen dürfte. Schliesslich bleibt das Stück über weite Strecken zu realistisch oder vielleicht sogar zu ehrlich, arbeitet die Konflikte, das Gruselige ebenso wie das Pathetische, nicht genügend aus. Es kommt insgesamt (auch vom Libretto her) zu gediegen und nüchtern daher, so als wolle es das Wesentliche nicht berühren. Ein bei Thornton Wilder abgeguckter Regietrick, keine Requisiten (wie Blumen etwa) zu verwenden, sondern sie nur anzudeuten, verweist gerade auf dieses Manko. Der von der Regisseurin Mirella Weingarten entworfene, mehrstöckige Bühnenraum wirkt in seiner Geometrie kühl, verdichtet die Situation aber nicht – und ähnlich distanziert kommen die Stimmen rüber. Diese Oper verpasst so ausgerechnet das Opernhafte, das überwältigende «Kraftwerk der Gefühle» (Alexander Kluge), das der Stoff doch so offensichtlich in sich trägt.

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Maria Riccarda Wesseling, Beate Vollack, Daniel Brenna

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