Vom Lampenfieber zur Bravour
Das Jugendjazzorchester.ch, ein gesamtschweizerisches Förderprojekt der Musikschule Jazz Basel, ist aktuell mit seinem zweiten Programm unterwegs. Am Premierenabend gelingt es den 16 jungen Musikerinnen und Musikern, ihr facettenreiches Talent zur Entfaltung zu bringen.

Bevor das Jugendjazzorchester.ch (JJO) mit seinem Konzert loslegt, spricht der künstlerische Leiter, Christian Muthspiel, über die Zukunft. Im Juni dieses Jahres finden nämlich erneut Auditions statt. Dabei wird das Ensemble zum dritten Mal neu besetzt. Wiederum werden talentierte Musikerinnen und Musiker im Alter zwischen 16 und 25 Jahren gesucht, die «instrumental- oder vokaltechnisch bereits auf hohem Niveau» agieren und idealerweise Vorkenntnisse im Jazzbereich mitbringen. Gemäss Flyer sei jedoch der Wille wichtiger, sich mittels persönlichem Ausdruck im Kollektiv einzubringen und zu improvisieren.
Doch noch gebührt die Aufmerksamkeit der zweiten Ausgabe des gesamtschweizerischen Fördervorhabens: Im Basler Jazzcampus Club warten 16 Musikerinnen und Musiker auf ihren Live-Einsatz. Christian Muthspiel, einst Mitglied beim Vienna Art Orchestra, will dem Publikum das Projekt der Musikschule Jazz Basel zuerst näherbringen. «Wir wollen die Jugend zwischen Musikschule und Studium abholen», erklärt der Österreicher. Und verweist auch auf das Vorspielen im vergangenen Sommer, wo Interessierte die Chance erhielten, sich und ihr Können während zehn bis fünfzehn Minuten zu präsentieren. Dabei habe er viele tolle Talente zu sehen und zu hören bekommen, so der Posaunist und Komponist. Dementsprechend schwer sei die Auswahl gefallen.
«Meine Aufgabe ist es, jedes Jahr ein neues Programm zu schreiben», sagt Muthspiel. Dieses solle sich ganz nach den Fähigkeiten der teilnehmenden Musikerinnen und Musiker richten. «Das Ganze ist dann ein gemeinsames Weiterentwickeln von Modulen.» Viel gemeinsame Zeit, um zu einem überzeugenden Resultat zu finden, stand den Beteiligten nicht zur Verfügung: Drei Wochenenden und vier Tage intensives Proben in der Premierenwoche mussten genügen. Endlich gilt es ernst: Muthspiel wendet sich vom Auditorium ab und seinem Orchester zu. Zuvor verspricht er 90 Minuten Musik, zwei Stücke und keine Pause.
Der Beginn gerät alpin: Betont Schräges von Trompeten und Saxofon evozieren bergige Bilder. Es ist ein fröhliches Durcheinander, das sich nach und nach entwirrt und Fahrt aufnimmt. Schaut man in die Gesichter der jungen Künstlerinnen und Künstler, dann ist deren Nervosität unverkennbar. Keiner will seinen Einsatz vermasseln oder auch nur verpassen. Das beschert spürbare Angespanntheit und schlägt sich in vielen unruhigen Blicken und weggewischten Schweissperlen nieder. Das Lampenfieber ist verständlich, aber unnötig, denn: Das JJO findet schnell zu einem überzeugenden Groove.
Christian Muthspiel hält es jeweils nur kurz auf seinem Dirigentenstuhl. Immer wieder juckt er auf, gibt aufmunternde Anweisungen und spornt seine Schützlinge an. Schlagzeuger Lucas Zibulski kommt dabei nicht selten die Aufbruch-Rolle zu: Mit seinem energischen Spiel fährt er an diesem Abend mitten in die Parade des Musikgeschehens und erreicht dadurch eine Neuorientierung des Sounds. Flötistin Nancy Meier darf als erste zum Solo ansetzen; sie entlockt ihrem Instrument vorwiegend frühlingshafte Töne, die aber auch die Kraft des Archaischen besitzen. Als Bassist Valerio Wenger und Pianist Tim Bond ihre Musik dazugesellen, dreht sich der gemeinsame Effort rasch in Richtung Swing. Und das derart gekonnt, dass selbst Muthspiel seine Anerkennung murmelt.
In der hintersten der insgesamt drei Musikerreihen drängen sich nebst Valerio Wenger auch zwei Gitarristen: Die beiden bieten höchst Unterschiedliches, ergänzen sich jedoch schier perfekt. Während Dominik Zäch flüssige und geschmeidige Licks bevorzugt, zeigt Sidney Chopard sein Flair für Flamboyantes. Die namenlose Komposition von Muthspiel entpuppt sich als nahezu ideales Vehikel, um sich zu präsentieren und zu beweisen. Das Stück mäandert durch verschiedenste Stilgefilde und scheint sich vor so unterschiedlichen Künstlern wie Santana, Chet Baker, Lee Ritenour oder Henry Mancini zu verneigen. Mit dem Ergebnis, dass die Musik nur selten gefällig ist, dafür nonstop neugierig. Der Sound, der mal klagend, mal jubilierend anmutet, führt über Stock und Stein, erklimmt Bergspitzen und verirrt sich zwischenzeitlich im Dunkel der Unübersichtlichkeit, nur um wieder zurück in die Spur zu gelangen.
Während das Duett zwischen Noah Eiermann am Flügelhorn und Carlo Bechtel an der Trompete befreiend wirkt, zeichnet sich das Zusammenspiel der Saxofonisten Charlotte Lang, Marina Iten und Niels Pasquier nicht zuletzt durch gegenseitiges und eloquentes Anfeuern aus. Muthspiel ist es mit seinem Programm sogar gelungen, mit der Marimba (Fabian Schürmann) und der Violine (Gabriel Raiser) zwei Instrumente einzubauen, die im Jazz meist ein Schattendasein fristen, in diesem Ensemblekontext jedoch aufblühen. Vor dem Konzert zweifelten die Veranstalter nicht daran, dass die grosse Herausforderung des Abends in der Spannung zwischen kollektivem Prozess und der Entfaltung individueller Spiellust liegen würde. Nach anderthalb Stunden intensiver Musik darf man feststellen: Das Jugendjazzorchester.ch hat die Aufgabe nicht nur mit sichtlicher Freude und Bravour erledigt, sondern ist an dieser auch gewachsen.
Die Tournee des Jugendjazzorchesters im März
Do, 9.3., 20.30 Uhr, BeJazz, Bern
Fr, 10.3., 20.30 Uhr, Mehrspur, Zürich
Sa, 11.3., 19.30 Uhr, Musikpavillon Obergrund, Luzern
Fr, 17.3., 19.30 Uhr, Konservatorium, Winterthur
Sa, 18.3., 20.30 Uhr, Aula Untermosen, Wädenswil