Verlorene Stimmen aus dem Mittelalter
Der Sänger und Harfenist Benjamin Bagby ist seit 1977 Leiter des Ensembles Sequentia und gilt als Pionier in der Rekonstruktion mittelalterlicher Lieder. Nun wurde er in Basel mit dem REMA Early Music Artist Award ausgezeichnet.

Benjamin Bagby ist ein Puzzler. Seine Bauteile sind frühmittelalterliche Handschriften, die in Klosterarchiven und Bibliotheken liegen, gut versteckt und längst vergessen. Er stöbert sie auf und versucht sie in enger Zusammenarbeit mit Musikwissenschaftlern und Philologen zusammenzusetzen – immer mit der Frage im Hinterkopf, wie es damals geklungen haben könnte. Musikforschung ist so für einmal ganz unmittelbar zu erleben. Dabei beschäftigt sich Bagby in seinem Projekt Lost Songs nicht mit der bekannten Gregorianik, sondern mit der Tradition des singenden Erzählers ausserhalb der christlichen Liturgie. Schon seit 30 Jahren ist er in dieser Mission unterwegs. Begonnen hat das Projekt mit der Rekonstruktion des Beowulf-Epos. Dieses Heldengedicht geht vermutlich zurück auf das 6. Jahrhundert und ist in einer anonymen Handschrift aus der Zeit zwischen 975 und 1025 überliefert. Es ist wohl das älteste Zeugnis altenglischer Literatur. Grosse Popularität hat es durch die Herr der Ringe-Trilogie von J.R.R. Tolkien erlangt. Bagby setzt die Geschichte mit deutlich reduzierten Mitteln um. Nur mit Gesang und einer kleinen Mittelalter-Harfe auf den Knien nimmt er die Rolle des bardischen Geschichtenerzählers und Rezitators ein. Das Kernproblem seiner Rekonstruktionsversuche beschreibt er selbst auf der Website des Lost Songs-Projekts: «Eine schriftliche Quelle kann immer nur eine Version (und wahrscheinlich nicht unbedingt die beste Version) eines Textes abbilden, der einer mündlichen Tradition entspringt, die permanent im Fluss ist.» Bagbys Puzzles sind also stets hypothetisch, und diese experimentelle Annäherung an eine verlorene Kunst schafft einen faszinierenden Dialog mit der Vergangenheit, der gleichzeitig die Fantasie anregt.
Erstmals seit 1000 Jahren zu hören
Auch in Bagbys neuestem Programm der Lost Songs-Reihe ist das der Fall. Unter dem Titel Monks Singing Pagans (zu deutsch: Mönche singen Heiden) sind Texte aus sehr verschiedenen Quellen versammelt: von Zaubersprüchen aus dem 9. Jahrhundert bis hin zu der Liedersammlung Carmina Burana aus dem 13. Jahrhundert. Eine weniger bekannte, mystische Facette des Mittelalters wird dabei erlebbar, jenseits des Gaukler-Kitschs. Davon konnte sich das Basler Publikum am 17. März im Rahmen der Konzertreihe Freunde alter Musik Basel in der vollbesetzten Predigerkirche überzeugen. Hanna Marti (Gesang und Harfe) und Norbert Rodenkirchen (Knochenflöten und Holzflöten) schufen gemeinsam mit Benjamin Bagby eine innige Klangatmosphäre. Dabei war jederzeit zu spüren, dass die Musik hier vor allem Mittel ist, um die Texte und Geschichten emotional und lebhaft rüberzubringen. Die Übersetzungen der zum Teil sehr kuriosen Texte liessen sich dank Untertitelung mitlesen. Ein sächsisches Taufgelöbnis für konvertierte Heiden mahnte dazu, dem Teufel abzuschwören. Ein angelsächsischer Zauberspruch gegen Geschwüre lehrte Zysten, Beulen und kleinen Furunkeln das Fürchten und ein Neunkräutersegen beschwor Kerbel und Fenchel als Allheilmittel.
Ebenfalls auf dem Programm stand die Aufführung mehrerer Lieder, deren Melodien aus einem Cambridger Manuskript des frühen 11. Jahrhunderts rekonstruiert wurden. Eine Sensation! Denn die Lieder, die auf der Textsammlung Consolatio philosophiae (Trost der Philosophie) des Philosophen Boethius beruhen, waren nach 1000 Jahren erstmals wieder zu hören. Zu verdanken ist das dem Musikwissenschaftler Sam Barrett, der sich an der Cambridge Universität schon seit 20 Jahren mit der Entzifferung der Manuskripte beschäftigt. Gemeinsam mit Sequentia hat er die Aufführung der Lieder erarbeitet, die 2016 erstmals dargeboten wurde. Die praktische Erfahrung der Musiker war für Barrett essenziell, um verschiedene Versionen auszuprobieren, wie er in einem Interview erklärt.
Über eine Million verkaufter Platten
Jetzt wurde Bagby für sein bisheriges Schaffen mit dem REMA Early Music Artist Award geehrt. In seiner Dankesrede lobte er besonders den hohen Stellenwert der Schola Cantorum Basiliensis, an der auch er studiert hat und wo er die Sängerin Barbara Thornton kennenlernte.
1977 gründeten sie ebenda gemeinsam das Ensemble Sequentia. Bis zu Thorntons verfrühtem Tod im Jahr 1998 leiteten die beiden Sänger, die auch privat ein Paar waren, das Ensemble gemeinsam. Einen fixen Musikerkern gibt es bis heute nicht. Stattdessen variiert die Besetzung von 2 bis zu 16 Musikern, je nach Projekt. Das erfolgreichste Projekt des Ensembles war die Einspielung mehrerer CDs mit Musik von Hildegard von Bingen Anfang der Neunzigerjahre. Eine davon, mit dem Titel Canticles of Ecstasy, wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet (unter anderem Disque d’Or- und Grammy-Nominierung) und verzeichnet weltweit über eine Million verkaufter Exemplare. So erreichen die von Benjamin Bagby zum Leben erweckten Stimmen aus der Vergangenheit nicht nur Experten für Alte Musik, sondern auch ein breites Publikum.