Wenn Musik das Leben verändert
Ein gemeinsames Projekt von Youth Classics und Sonidos de la tierra brachte neben bekannten Konzertstücken Barockmusik aus Paraguay und Werke des indianischen Komponisten Julian Atirahu zu Gehör.

Im Benefizkonzert von Youth Classics, dem Zürcher Förderprogramm für hochbegabte Kinder und Jugendliche, spielen diesmal auch sozial benachteiligte Kinder aus Paraguay mit. Sonidos de la tierra (Klänge der Erde) heisst die Initiative des Komponisten und Dirigenten Luis Szarán, der für in Armut lebende Kinder in diesem südamerikanischen Land eine unentgeltliche Musikausbildung und Konzerte organisiert. So auch am 22. Juni im Stadthaus Winterthur.
Die Idee ist nicht neu, aber sie greift auch hier: Kinder, die ohne Perspektive in Armut aufwachsen, lernen singen oder ein Instrument spielen und finden im gemeinsamen Musizieren Freunde und eine sinnvolle Beschäftigung. «Wer tagsüber Mozart spielt, wirft nachts keine Fensterscheiben ein», so das Bonmot von Luis Szarán, der selber aus Paraguay stammt. Der Direktor des Asuncíon City Symphonic Orchestra ist auch als Musikforscher tätig; die indigene Musik Paraguays ist ihm ein grosses Anliegen.
Gemeinschaft macht stark
Mit Sonidos de la tierra hat Szarán in den letzten 15 Jahren ein soziales Netzwerk aufgebaut, das seinesgleichen sucht. Landesweit gibt es nun rund 200 kostenlose Musikschulen, über 17 000 Jugendliche wurden hier ausgebildet. In Paraguay wohnen knapp zwei Drittel der insgesamt 6,8 Millionen Einwohner in ländlichen Regionen, 28 Prozent leben in absoluter Armut und haben laut Definition der Weltbank weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Die Grundschule ist zwar gewährleistet, doch jede weitere Bildungs- oder Fördermöglichkeit ist unbezahlbarer Luxus.
55 Franken kosten Material und Arbeitszeit für eine neue Gitarre; 125 Franken sind nötig für eine Musiklehrerausbildung. Diese kleinen Summen machen einen grossen Unterschied. Sonidos de la tierra wird durch Spenden und durch die Organisation Jesuiten weltweit unterstützt. Szarán organisierte zunächst in 18 Dörfern Instrumente und stellte einen Lehrer an. Die Eltern sorgten für den Bau der Schule und sammelten Spendengelder, die Kinder wurden zu stolzen Instrumentenbesitzern, sie hatten regelmässig Unterricht und ein klares Ziel vor Augen. Ob im Chor oder im Orchester: Die Gemeinschaft macht stark.
Nun sind die Begabtesten unter ihnen in der Schweiz. Remo Schällibaum, Präsident von Youth Classics, ist selber öfter in Paraguay und initiierte dieses gemeinsame Benefizkonzert im Stadthaus Winterthur. Drei Jugendliche aus Paraguay können an der Master Class von Youth Classics auf der Musikinsel Rheinau teilnehmen. Hier treffen sich vom 17. bis 27. Juli hochtalentierte Kinder und Jugendliche aus aller Welt, um unter der Künstlerischen Leitung von Philip A. Draganov mit den Dozenten zu musizieren, zu improvisieren und sich auszutauschen.
Barockmusik und indigene Kultur
Was die Jugendlichen aus Paraguay für das Konzert von zu Hause mitbrachten, war ein reizvolles Programm voller Überraschungen. Unter dem Motto «Barockmusik und indigene Kultur» spielte das 21-köpfige Orchester Werke der Jesuitenmissionare Domenico Zipoli SJ (1688–1726) und Martin Schmid SJ (1694–1772) sowie von unbekannten Komponisten, die damals in den «Reduktionen», den von den Jesuiten für die Einheimischen gebauten Dörfern, gewirkt haben.
Es war erstaunlich, mit welch rhythmischer Präzision und Agilität die Jugendlichen aus Paraguay die für unsere Ohren «traditionelle» Barockmusik spielten. Hier gesellte sich ein herzhaft prägnant singendes Vokalensemble mit vier weiblichen und drei männlichen Stimmen dazu, da ein weich und ganz entspannt spielender Solo-Flötist.
Und dann der Wechsel zur Musik des indianischen Komponisten Julian Atirahu, der aus der Ethnie der Guaraní stammte und im 18. Jahrhundert in einem Missionsdorf der Jesuiten in Paraguay ausgebildet worden war: eine klanglich flirrende, rhythmisch vital pulsierende Musik, geschickt arrangiert und von den Jugendlichen mit temperamentvoller Freude gespielt.
Vital und virtuos
Die Harfe ist das Nationalinstrument in Paraguay, die 17-jährige Eva Natalia Gonzáles offenbarte sich als Virtuosin mit vitaler Ausdruckskraft. Und dann der erst 14-jährige Juan Sebastían Duarte mit seinem Bandoneon: virtuos, locker und von einer begeisternden rhythmischen Leichtigkeit. Der Funke sprang, das Publikum spendete herzhaften Applaus. Und wie der 63-jährige Luis Szarán als Dirigent den jugendlichen Geist elegant und mit sparsamer Gestik zum Blühen brachte, war einfach rührend.
Der zweite Programmteil wurde vom Youth Classics Orchestra unter der Leitung von Philip A. Draganov mit klassischer Konzertliteratur bestritten. Ob bei Bach, Haydn oder Grieg, die Solistinnen und Solisten zeigten ihr bravouröses Können in ausgewählten Sätzen. Was der erst elfjährige Schweizer Geiger Raphael Nussbaumer als jüngster von ihnen in Wieniawskis Scherzo-Tarantella op. 16 für technisch knifflige Kunststücke vorführte, war von einem anderen Stern. Im Schlussstück von Carlos Gardel (1890–1935) spielten beide Jugendorchester zusammen – ein Freudenfest auch fürs Publikum.
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- Foto: Michel Huber
- Das Youth Classics Orchestra unter der Leitung von Philip A. Draganov am 22. Juni in Winterthur