Wenig Fallhöhe
In Biel und Solothurn ist Jost Meiers neue Oper «Marie und Robert» zu sehen. Hansjörg Schneider hat das Libretto nach dem Schauspiel des Aargauer Mundartdichters Paul Haller verfasst.

Marie liebt eigentlich Robert, heiratet aber den reichen Theophil. Letzterer besitzt das Haus, in dem Frau Schödler, Roberts Mutter, wohnt. Er will ihr den Zins erhöhen. Marie stiehlt ihrem Mann Geld, um Frau Schödler die Mehrkosten auszugleichen. Theophil entdeckt Marie und Robert beim Schäferstündchen. Im Streit schlägt Robert Theophil. Der fällt unglücklich hin und stirbt. Die Dutzendgeschichte um Liebe und Verrat könnte überall stattgefunden haben. Der Aargauer Dialektdichter Paul Haller (1882–1920) hat sie 1917 im Schweizer Mittelland angesiedelt.
Hallers Schauspiel bildet die Vorlage zu Jost Meiers Oper «Marie und Robert»; Hansjörg Schneider hat das hochdeutsche Libretto verfasst. Im Stadttheater Biel ist sie nun uraufgeführt worden. Vorweggenommen ist im Originaltext in Roberts Brandreden der Landesstreik von 1918. Den haben Meier und Schneider im ihrem Werk für Chorszenen zu einem eigenständigen Motiv aufgewertet, ohne dass eine innere Verbindung zwischen der Dynamik der Dreiecksverbindung und der damaligen Politik ersichtlich wäre. Damit nicht genug, die ohnehin schon überladene Geschichte wird in der Inszenierung mit noch mehr Bedeutung aufgeladen: Die Aare soll überdies als Metapher für das Seelenleben Maries und Roberts dienen.
Zu mehr als einem Heimatgroschenroman dient die Geschichte schon darum nicht, weil ihr Auslöser, Maries berechnende Heirat aus eher banal-egoistischen Gründen, keine Grösse des Scheiterns zulässt. Es fehlen der zwingende Konflikt, die Fallhöhe, es fehlt die Übergrösse des Schicksals. Die putzige Aare ist kein Nil, ein Dorfkönig (Boris Petronje als Theophil) kein Kaiser, die eher kleinbürgerlichen Marie (Leila Pfister) und Robert (Geani Brad) sind nicht Tristan und Isolde. Aber selbst zu einer solchen Alltagsgeschichte, die vor allem zum Dorfklatsch taugt, könnte man glaubwürdige psychologische Tiefen zeichnen. Meiers expressive, farbige Musik, in die er manches an Klangsymbolik hineingeheimnisst hat, könnte das Material dazu zu bieten. Für den kleinen Raum des Bieler Stadttheaters scheint sie allerdings zu gross. Die Klangmixturen eines Orchesters, in dem die Harfe im Parterre des Zuschauerraums und das Schlagwerk in einem Nebenkämmerchen positioniert sind, fallen (zumindest am Parterreplatz des Rezensenten) auseinander. In der Bieler Uraufführung kämpft das solide Ensemble zudem mit einer nicht wirklich verinnerlichten Regie (Reto Nickler), die manchmal hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik laboriert, etwa wenn Robert mitten in der Erregung (als Übersprungshandlung?) plötzlich Kartoffeln zu schälen beginnt, Marie verzweifelt vor einem Fenster herumhopst oder Frau Schödler (Franziska Hirzel) unvermittelt vom Rollstuhl fällt. Auch die geschwärzten Gesichter des Chors und ein transparenter Vorhang, der die Bühne teilt und – warum auch immer – von den Protagonisten wechselweise auf- und zugezogen wird, erschliessen sich in ihrer dramaturgischen Logik nicht wirklich.
Da zeigt sich, dass das konsequent durchgezogene Mittel der Groteske aus der Handlung möglicherweise hintergründigere Deutungen herausgeholt hätte. Oder eine Reduktion auf ein feinziseliertes Kammerspiel glaubwürdigere Psychogramme erlaubt hätte. So aber bleibt fast alles in der Produktion unentschieden: Die überladene Handlung, die Musik, das Regiekonzept und damit auch die Fragen, was uns damit wirklich gesagt werden soll und worin die Aktualität der Geschichte denn nun besteht. Dem Sinfonieorchester Biel-Solothurn und seinem Dirigenten Kaspar Zehnder, dem Chor und seinem Leiter Valentin Vassilev kann man dies nicht wirklich vorhalten. Sie entledigen sich wie alle andern Akteurinnen und Akteure ihrer Sache mit Anstand. Möglicherweise ist der Faden zur Ästhetik, die in Musik, Handlung und Symbolismen letztlich auf Motive des frühen 20. Jahrhunderts zurückgreift, heute doch gerissen.
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