Musik zum Sehen
Eine Anthologie in drei CDs, einer DVD und einem Buch bietet umfassende Einblicke in die Geschichte und das Wesen der Schweizer Filmmusik.
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Schon komisch mit der Filmmusik. Wer direkt nach dem Kinobesuch nach der Musik gefragt wird, wei in der Regel nicht, was er gehört hat. Andererseits, und nun stelle man stelle sich kurz Spiel mir das Lied vom Tod vor, kommen bei manchen Klängen sofort Bilder in den Kopf, die man Jahre, manchmal Jahrzehnte zuvor gesehen hat. Die tiefgreifende Ambivalenz von Filmmusik zeigt sich auch in anderen Bereichen: Weder zu billig oder kitschig sollten Klänge zu Bildern sein, noch zu eigenständig. Thomas Meyer berichtet im fast 400-seitigen Buch der Anthologie Schweizer Filmmusik 1923–2012 von Arthur Honeggers Musik zu den Filmen Rapt (1934), Der Dämon des Himalaya (1935) und Farinet (1938). Meyers Resümee fällt für den Musikliebhaber ernüchternd aus: «Vielleicht war Honeggers Musik auch schlicht zu originell für den Schweizer Film. Originalität ist eine schwierige Qualität. Sie führt zu einem ästhetischen Problem, das bei diesen drei Filmen immer wieder auffällt: Die Musik ist über dem Bild – und nicht im Bild. Sie trägt ‹drüber weg›, entführt die Aufmerksamkeit, schafft Distanz, gibt den Blick auf eine intelligente Betrachtung frei, sie lässt den Zuschauer durchaus schaudern, aber sie lädt nicht zur Identifikation ein und schleust ihn nicht in die Gefühle der Handelnden ein.» (S. 89)
Honeggers erfolglose Griffe in die Trickkiste der hohen Kompositionskunst waren gewiss nicht die einzigen Beiträge zu einer Schweizer Filmmusik. Auf drei CDs und einer DVD dokumentiert die Anthologie, die von der Fondation Suisa ermöglicht wurde, eine reiche Auswahl diverser Richtungen. Da wären die Komponistenkollegen Honeggers, zum Beispiel Bruno Spoerri, der gleich sechs Mal auf der DVD präsentiert ist. Zu La Maggia, einem 1970 entstandenen Experimentalfilm von Kurt Aeschbacher, der diverse Wasseraufnahmen zeigt, steuerte Spoerri eine elektronische Musik bei, die Tropfgeräusche akustisch verdoppelt, aber auch energetische Wasserzustände wie Flieen oder Stillstand widerspiegelt. Mathias Spohr, Herausgeber der umfassenden Anthologie, legt Wert auf die Vielfalt, den «vielstimmigen Chor» der Schweizer Filmmusik. Tatsächlich beachtlich ist die Breite und die besondere Entwicklung, die von der Instrumentalmusik der frühen 1920er-Jahre über die ersten elektrischen Klangerzeuger (Ondes Martenot, Trautonium) bis hin zu modernen Sounddesigns reicht. Als besonders ergiebig erweisen sich die kulturhistorischen Hintergründe, die Bruno Spoerri lebendig und eindrücklich beschreibt. Dazu gehört das Aufkommen des Tonfilms, der vielen Schweizer Musikern die Arbeitslosigkeit bescherte. Und dazu gehören auch Einblicke ins Zürcher Kinowesen der 20er- und 30er-Jahre. Etwas fragwürdig sind so einige Werbespots von Orange oder Migros, die weder inhaltlich noch musikalisch überzeugen. Aber gut, das sind Kleinigkeiten. Die äuerst gründlich lektorierte Anthologie bleibt nicht nur für die seltene Spezies der Filmmusikforscher von grossem Wert.
Mathias Spohr, Anthologie Schweizer Filmmusik 1923–2012, Box mit drei Audio-CDs, einer DVD und einem Buch (396 S.), hg. von Mathias Spohr, in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache, gebunden, Fr. 69.00, Chronos Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1265-2