Zeitgenössisch orientiert
Das Streichquartett Nr. 2 «Von den Affenbergen» von Pavel Haas, der 1944 in Auschwitz umgebracht wurde, ist einer der bedeutendsten Beiträge zur Gattung in der Klassischen Moderne.

Einige der letzten Deportationszüge in das Vernichtungslager Auschwitz kamen aus dem böhmischen Getto Theresienstadt. Am 16. Oktober 1944 befanden sich darin viele der Statisten, Künstler und Kinder, die im wohl zynischsten Propagandafilm der Nationalsozialisten als Teil dieser menschenverachtenden Lüge missbraucht worden waren. Er zeigte die angeblich heile Welt des jüdischen «Vorzeigelagers» bei Prag. In Theresienstadt oder Der Führer schenkt den Juden eine Stadt kommt auch Pavel Haas vor, 1899 in Brünn geboren, am 18. Oktober 1944 gestorben und eine der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten im Umfeld Leoš Janáčeks. Die im Getto entstandene Studie für Streichorchester, die bei einem schöngefärbten Besuch des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im Sommer 1944 unter Karel Ančerl uraufgeführt worden war, erklingt darin. Letzterer sollte als Einziger seiner Familie und fast aller Darsteller des Films Auschwitz überleben.
In einer Neuausgabe bei Bärenreiter Prag ist nun endlich eines der bedeutendsten Werke von Pavel Haas, das Streichquartett Nr. 2 Von den Affenbergen erschienen. Das genauso herausragende Bläserquintett op. 10 soll im Juni 2021 ebenfalls dort veröffentlicht werden. Im insgesamt drei Werke umfassenden Streichquartett-Œuvre von Haas erschliesst sich dieses Opus 7 aus dem Jahr 1925 am leichtesten. Es ist von einer überbordenden Farbigkeit gekennzeichnet, die sich Janáčeks individueller Überwindung spätromantischen Schwulsts durch Komprimierung thematischer Elemente auf ihren Nukleus deutlich annähert, dabei aber starke eigene Persönlichkeit entwickelt. Das typisch volkstümliche Element der böhmischen Tradition erhält einen fulminanten Auftritt im letzten Satz «Wilde Nacht», den Haas ad libitum mit einer Schlagzeugstimme ausstattete. Humorvoll geht es auch in «Die Kutsche, der Kutscher und das Pferd» zu, worin Haas das Knarren der Kutsche und das störrische Wiehern der Pferde köstlich anschaulich kompositorisch umsetzt. Mystisch, durchaus impressionistisch gefärbt, dabei hochexpressiv und sehr anspruchsvoll für die Interpreten sind der Einleitungssatz «Landschaft» und der langsame Satz «Der Mond und ich».
Mag das Gesamtwerk in der formal-technischen Umsetzung nicht ganz an die beiden Quartette Janáčeks heranreichen, so ist es doch zweifellos eines der bedeutendsten, zeitgenössisch orientierten Beiträge zur Gattung bis 1945. Darüber hinaus ist es ein überaus effektvolles Werk im Konzert und auf CD, wie ich aus eigener Erfahrung (Aufnahme 1997 mit dem Casal-Quartett) bezeugen kann. Damals mussten wir uns noch mit der handschriftlichen und teilweise fehlerhaften Ausgabe von Tempo Praha/Bote & Bock begnügen. Die makellose Bärenreiter Urtext-Ausgabe hebt Haas‘ Streichquartett Nr. 2 in die erste Reihe der Klassischen Moderne. Dies ist auch ein Sieg der Kunst über den Vernichtungsgedanken der verblendeten Nazimörder an allem Jüdischen.
Pavel Haas: Streichquartett Nr. 2 op. 7 «Von den Affenbergen» mit Schlagzeug ad libitum, hg.von Ondrej Pivoda; Stimmen: BA 11525, € 29.95; Studienpartitur: TP 525, € 23.50; Bärenreiter, Prag