Formgefühl und Brillanz des Sechzehnjährigen

Dieses frühe Klavierwerk von Richard Strauss weist stellenweise auf den Opernkomponisten voraus.

Richard Strauss 1888. Unbekannter Fotograf. Quelle: wikimedia commons

Das Klavierwerk von Richard Strauss ist nicht gerade umfangreich und entstand fast ausschliesslich in seinen frühen Jahren. Neben einigen kleineren Gelegenheitskompositionen sind vor allem die Stimmungsbilder op. 9 und die Klaviersonate h-Moll op. 5 zu erwähnen. Letztere entstand im Winter 1880/81. Da war der Komponist also gerade 16 Jahre alt. Und es erstaunt und erfüllt einen mit Respekt, wenn man sieht, mit welcher handwerklichen Sicherheit der junge Musiker schon eine solch gross angelegte, viersätzige Sonate zu formen wusste.

Das Werk wurde schon verschiedentlich auf Schallplatten und CDs aufgenommen. Nicht zuletzt hatte sich auch Glenn Gould dafür stark gemacht. Im Konzert dagegen begegnet man dieser Sonate sehr selten. Was sind wohl die Gründe dafür?

An der Spielbarkeit kann es nicht liegen. Der Klaviersatz liegt ganz ausgezeichnet, ganz im Gegensatz zu anderen Werken von Strauss, etwa der vertrackten Burleske in d-Moll oder dem kniffligen Klavierpart in Der Bürger als Edelmann. Vielleicht liegt es am umfangreichen ersten Satz, Allegro molto, appassionato, der zwar die formalen Anforderungen bestens erfüllt, aber mit seinen wenig charakteristischen Themen und langfädigen Sequenzen doch einigermassen ermüdet. Auch der Klaviersatz ist hier – im Gegensatz zu den folgenden Sätzen – wenig erfinderisch und pianistisch etwas armselig. Insgesamt also ein wenig inspirierender Beginn.

Das ändert sich mit dem zweiten Satz, einem Adagio cantabile in E-Dur, dessen Hauptthema, eine weit ausholende Melodie auf klangschönem Akkordteppich, schon ein bisschen den kommenden Opernkomponisten verrät. Unterbrochen wird diese Melodienseligkeit durch ein elfenhaftes, später dramatisch zugespitztes Intermezzo, das keine Angst vor weiten Sprüngen beider Hände duldet. Auch im dritten Satz, einem wirbelnden Presto, wird einiges an pianistischer Wendigkeit verlangt. Die vielen schnellen Noten, meist im Pianissimo zu spielen, erinnern stark an ähnliche Scherzi bei Mendelssohn. Im abschliessenden Finale, Allegretto vivo, wird Strauss (wie schon im ersten Satz) wieder etwas ausführlicher. Hier aber mit so viel Temperament und Klangschönheit, dass einem die 281 Takte ganz kurz vorkommen. Dies umso mehr, als die Sonate fulminant und brillant in H-Dur endet.

Peter Jost hat dieses frühe strausssche Opus in einer mustergültigen Edition beim G. Henle-Verlag herausgebracht. Die klugen und dezent gesetzten Fingersätze stammen von Michael Schäfer.

Image

Richard Strauss: Klaviersonate h-Moll op. 5, hg. von Peter Jost, HN 1467, € 11.00, G. Henle, München

Das könnte Sie auch interessieren