Der deklarierte Einzelgänger

Olivier Messiaen war womöglich stärker in die Strömungen seiner Zeit eingebunden, als er selbst wahrhaben wollte.

Prinz Bernhard von den Niederlanden übergibt Olivier Messiaen den Erasmuspreis, 25. Juni 1971. Foto: Rob Mieremet / Anefo, Nationaal Archief

Wie kaum ein anderer Komponist und Lehrer hat Olivier Messiaen (1908–1992) die französische Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Und doch ist die kritische, von seinen (umfangreichen) Selbstzeugnissen unabhängige Auseinandersetzung mit seinem Werk erst in den letzten Jahren Gegenstand musikwissenschaftlicher Arbeit geworden. Messiaen stellte sich selbst nur am Rand in den Kontext einer von seinen Lehrern vermittelten Tradition, in die Musikästhetik und die grossen geistigen Strömungen seiner Zeit, sondern unterstrich vielmehr seine Rolle als Einzelgänger.

Im vorliegenden Band, der sich auf (teils erheblich erweiterte) Beiträge eines 2008 am Institut français in München durchgeführten Symposiums stützt, wird dieses Bild revidiert. Fünf der Autoren beleuchten einerseits Messiaens Position innerhalb der französischen Orgel- und Musiktradition, andererseits sein Verhältnis zur damaligen Zeitphilosophie und seine Prägung durch die Literatur des Renouveau catholique; in sechs weiteren Beiträgen wird Messiaens Wechselbeziehung zu Debussy, Satie, Jolivet, der Groupe des Six, aber auch zu weniger bekannten Figuren wie Maurice Emmanuel und Charles Tournemire dargestellt. Gerade im letzten Fall zeigt Ko-Herausgeber Stefan Keym (Leipzig) auf faszinierende Weise den grossen Einfluss Tournemires auf Messiaen – in allen ästhetischen und kompositionstechnischen Gemeinsamkeiten der beiden Komponisten, aber auch da, wo sich Messiaen klar abzugrenzen scheint. Die deutschen, englischen oder französischen Beiträge dieses höchst lesenswerten Buchs liefern entscheidende Informationen zu einer differenzierten Betrachtung Messiaens und öffnen gleichzeitig ein weites Feld für weitere Forschungen, die in den kommenden Jahren noch zu erwarten sein dürften.

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Olivier Messiaen und die «französische Tradition», hg. von Stefan Keym und Peter Jost, 246 S., € 29.80, Verlag Dohr, Köln 2013, ISBN 978-3-86846-112-1

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