Zugänge zu Schumann
Die Ergebnisse eines Symposiums an der Musik-Akademie Basel vom Dezember 2010 und einige zusätzliche Beiträge sind gesammelt erschienen.
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Ganz in der Forschungstradition einer Musikhochschule steht hier die Musikwissenschaft in fruchtbarem Dialog mit der Musikpraxis. Historiker und Interpreten kommen gleichermassen zu Wort und diskutieren miteinander. Das 570 Seiten starke Buch zeichnet sich denn auch durch seine Vielfalt auf verschiedenen Ebenen aus. Selbstverständlich können von den einundzwanzig Artikeln nur einige herausgegriffen werden.
Auf einer ersten Ebene ist die Internationalität zu nennen. Neben Basel und der restlichen Schweiz, sind Deutschland, Österreich, Kanada und die USA als Herkunftsländer der Beiträger und Beiträgerinnen vertreten. Das Buch ist grösstenteils auf Deutsch, ausser einem Artikel auf Französisch (Georges Starobinski zu den ersten Sängerinnen und Sängern von Schumanns Liedern) und einem auf Englisch (eine Analyse von Alfred Cortots Ausgabe der Kreisleriana durch Roe-Min Kok). Hier wäre allerdings – gerade weil die Fremdsprache eine Ausnahme bedeutet – eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch wünschenswert gewesen.
Das Zusammentreffen von Musikern und Historikern spiegelt sich in der unterschiedlichen Form der Beiträge neben dem traditionellen wissenschaftlichen Artikel. Thomas Gartmann interviewt Mario Venzago zu seinen Erfahrungen beim Dirigieren der Schumann-Sinfonien. Zwei aufgezeichnete Gesprächsrunden thematisieren das Spätwerk Schumanns (Dagmar Hoffmann-Axthelm, Andreas Staier, Michael Struck) sowie die Probleme bei der Herausgabe schumannscher Werke (Bernhard R. Allep, Joachim Draheim, Kazuko Ozawa, Matthias Wendt, Anselm Hartinger). Sogar ein Interpretationsworkshop zur dritten Violinsonate wird verschriftlicht (Hansheinz Schneeberger, Rainer Schmidt – mit zahlreichen Bemerkungen von weiteren damals Anwesenden).
Zwar ist das Buch monografisch Schumann gewidmet. Zwei Beiträge stellen jedoch Vergleiche zu anderen Komponisten auf, die auf den ersten Blick nicht selbstverständlich scheinen. John P. MacKeown vergleicht Schumanns Mondnacht (aus dem Liederkreis) mit Mondtrunken aus Schönbergs Pierrot Lunaire. Thomas Kabisch stellt die Klavierkonzerte von Schumann und Liszt nebeneinander im Kontext einer allgemeinen Theorie der Konzertkomposition im 19. Jahrhundert.
Schliesslich ist die Vielfalt im Quellenmaterial zu nennen, das als Grundlagen für die Betrachtungen dient. Martin Kirnbauer untersucht die vielen mechanischen Apparate zur Übungshilfe, die zu Schumanns Zeit und auch von seinem Schwiegervater Friedrich Wieck weithin akzeptiert und verbreitet waren und ihm persönlich (auf nicht ganz geklärte Weise) zum Verhängnis wurden. Roe-Min Kok vermag wertvolle Einsichten zur Schumann-Interpretation aus Cortots «unkritischer» Ausgabe zu gewinnen. Thomas Synofzik analysiert Carl Reineckes Aufnahmen auf den Klavierrollen der Marken Welte (Warum? aus den Fantasiestücken, 1905) und Hupfeld (Nr. 6 aus Kreisleriana, 1907).
In durchaus sinnvoller Weise angesichts der einheitlichen Thematik des Sammelbands besteht der Index aus einem Register zu den besprochenen Werken Schumanns.
Schumann interpretieren, hg. von Jean-Jacques Dünki, mit Thomas Gartmann und Anette Müller, 570 S., Fr. 38.80, Studiopunkt Verlag, Sinzig 2014, ISBN 978-3-89564-155-8