Pluralismus statt Abgrenzung!

Ein Sammelband stellt musiksoziologische Ansätze vor.

Foto: Till Westermayer/flickr.com

Es gab Zeiten, da konzentrierte sich Musikwissenschaft auf Biografik und Werkanalysen. Erst in den 1970er-Jahren erweiterte sich die Methodik. Salopp gesagt: Das «Drumherum» wurde wichtiger. Dazu zählten institutionelle Gegebenheiten, rezeptionsästhetische Überlegungen, das kulturelle Umfeld, in dem Musik gedeiht, auch das Weiterdenken jener Ansätze, die wesentlich von Theodor W. Adorno ausgingen. Unter den Vorzeichen allgemeiner Spezialisierung verwundert es nicht, dass es bald zur Abspaltung diverser Forschungsbereiche kam: Heute gibt es die Musikpsychologie, die empirische Musikwissenschaft, die systematische Musikwissenschaft, die Musikanthropologie, und eben die Musiksoziologie.

Der im Laaber-Verlag erschienene Band Musiksoziologie beansprucht keine Klärung der Frage, was Musiksoziologie bedeutet. Gleich im Vorwort stellt der Herausgeber Volker Kalisch klar, Musiksoziologie verfüge nicht über «die einzigartige Fragestellung, das leitende Interesse, die entscheidende Erkenntnisabsicht, über die sie von anderen wissenschaftlichen Disziplinen und Fächern unterscheidende Methode, über die kennzeichnende Strategie der Vermittlung oder über das klärende Darstellungs- und Bezeichnungssystem» (S. 10). Bei solch rigidem Singularverzicht bleibt keine andere Lösung, als eine Bestandesaufnahme in Form diverser Forschungszweige zu liefern. 20 Autoren tun just dies. Es geht um spitzfindig-wissenschaftstheoretische Fragen wie die Unterscheidung von Musiksoziologie und Soziologie der Musik, um das Wesen musikalischer Rituale, um Einblicke in Interaktionsmuster und Kommunikationsstrukturen. Kurz: Die Definition des Fachs geschieht im Sinne des amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz: durch die Verfeinerung eines Diskurses, durch die Darstellung ausgewählter Themenfelder, die zumindest ein Bild davon evozieren können, was Musiksoziologie heisst oder besser: heissen könnte.

Dass dieses Bild am Ende der Lektüre vage bleibt, hat zwei Gründe: Wie in jeder Humanwissenschaft sind die Dinge nicht so auf den Punkt zu bringen wie in den Naturwissenschaften oder im Fall der motivisch-thematischen Analyse einer Bach-Fuge. Hinzu kommt, dass die recht junge Disziplin Musiksoziologie noch auf der Suche nach Grundlagen ist. Für jede Untersuchung müssen erst Kriterien gebildet werden, wobei bemerkenswert ist, dass methodische Anleihen beim ungleich etablierteren Fach Soziologie dürftig ausfallen. Positiver zu vermerken sind Untersuchungen, die bisher nicht ins Blickfeld der «klassischen» Musikwissenschaft gerieten. Obgleich Musik – weltweit – unlösbar mit Ritualen verbunden ist, stand die «klassische» Musikwissenschaft der schwierigen Materie sprachlos gegenüber, während Raimund Vogel, Eckhard Roch und Wolfgang Fuhrmann im Sammelband überzeugende Zugänge offerieren. Der globale Zugang der Autoren mit deutlichen Bezügen zur Musikethnologie und -anthroposophie ist lobenswert – und rechtfertigt zumindest die Existenz der Musiksoziologie, die sich einfach als anbaufähige Disziplin verstehen könnte. Der Musikwissenschaft als Ganzes könnte sehr zu Gute kommen, wenn sich ihre Teildisziplinen im Sinne eines Methodenpluralismus ergänzen. Fatal jedenfalls wären weitere – im Band durchaus anklingende – Grabenkämpfe. Sie würden das ohnehin schon darbende Fach Musikwissenschaft als Ganzes weiter schwächen.

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Musiksoziologie, hg. von Volker Kalisch, (=Kompendien Musik Bd. 8), 303 S., 15 Abb., € 29.80, Laaber-Verlag 2016, ISBN 978–3–89007–728–4

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