Föhn – ein musikalisches Wetterspiel
Zum wetterleuchtenden Vermächtnis von Urs Widmer in der Vertonung von Fortunat Frölich nach einer Idee von Christian Zehnder.

Eine volkstümliche Redensart nennt den Föhn den ältesten Bewohner der Innerschweiz. Wer dort einen Föhnsturm erlebt hat, weiss, dass man diesen heissen Wind auch als Ur-Musiker bezeichnen könnte, denn er singt, pfeift, braust und donnert, er lässt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, scheppern, klirren, poltern.
Der Initiant der Oper Föhn, die 2014 auf der grossen Bühne des Theaters Basel uraufgeführt wurde, der Sänger und Regisseur Christian Zehnder, fragt sich denn auch zurecht, warum dieses Phänomen nie in Musik umgesetzt worden sei. Wohl finden sich Anklänge an die Musik der Alpen als couleur locale in romantischen Bühnenwerken mit schweizerischem Inhalt und in sinfonischen Werken mit pastoralen Motiven, aber an die zerstörerische Kraft der Berggeister erinnert in neuerer Zeit erst Heinz Holligers Alb-Cheehr von 1991.
Wer die wenigen szenischen Aufführungen der Oper verpasst hat, kann nun zu einem mit Natur- und Theaterfotos ausgestatteten, vom Verlag rüffer & rub sehr schön gestalteten Buch mit CD greifen: Föhn, ein Mythos in Wort und Musik.
Die Interpreten entsprechen jenen der Basler Produktion. Sie haben das Werk mit dem Ensemble Phönix Basel unter der Gesamtleitung von Erik Oña aber neu eingespielt und dabei die Abfolge der Rezitationen in Standardsprache (Sprecher: Hansrudolf Twerenbold), der gesprochenen Dialoge in einem Gemisch von Urnerisch und Obwaldnerisch des Bauernpaares (Carina Braunschmidt und Martin Hug), der Männerchorpartien (Vorbereitung Fritz Näf) und der Gesangsteile (die dänische Koloratursopranistin Susanne Elmark als Föhnfrau und als Berg und Wetterrufer der Jodel- und Obertonsänger Christian Zehnder) leicht verändert.
Aufgabe des Kammerorchesters ist es, vor allem mit Blas- und einigen Streichinstrumenten, E-Gitarre, Klavier, Perkussion und Geräuschen, lautmalerisch Wind, Lawinen, die rohe Gewalt der Natur im Tosen und Kesseln nachzuzeichnen. Der Komponist arbeitet mit seriellen Elementen, verwendet bis zu zwölftönige Cluster, komponiert aber auch frei in unterschiedlichen Klängen, ja, verarbeitet in den Chorpartien Kühreihen und das Kopfmotiv zum Volkslied Lueget vo Bärge und Tal.
In den gesprochenen Passagen beklagen die Bergler den Föhn. Er sei schuld an erotischer Erregung, an Schmerzen und Leiden. Hilflos nimmt die Bäuerin Zuflucht zu einem Zauberspruch: «Rämpä, mämpa, dWelt isch scheen / Hä kä Ängscht, dü bleede Feehn.» Dennoch donnert der Berg zu Tal. Nur der Föhn bleibt. Der Bauer und die Bäuerin halten sich an den Händen.
Das Libretto bezeugt ein letztes Mal die überbordende Fantasie, die Sprachgewandtheit und die Liebe zur Umwelt des Dichters. Urs Widmer erlebte die Aufführung, in der er als Erzähler vorgesehen war, nicht mehr. So ist Föhn – ein zyklisches Wetterspiel im gedruckten, gesprochenen und gesungenen Wort zum wetterleuchtenden Vermächtnis geworden.
Urs Widmer, Fortunat Frölich, Christian Zehnder, Föhn – Ein Mythos in Text und Musik, 144 S., mit CD, Fr. 34.00, rüffer & rub, Zürich 2016, ISBN 978-3-907625-93-4