Eine Fundgrube für einseitige Klassikhörer

In diesem Buch hat Roger Willemsen seine Empfindungen für Musik in den verschiedensten Formen festgehalten und lädt zum Mitentdecken ein.

Roger Willemsen 2014. Foto: blu-news.org / wikimedia commons

Wo Sie das Buch auch öffnen, jederzeit ist eine Überraschung möglich, besonders wenn Sie eher einseitig auf die «grosse klassische Musik» eingeschworen sind. Es gelingt dem multikulturellen Musikhörer, Autor und Moderator Roger Willemsen immer wieder, den Leserinnen und Lesern seine «Liebeserklärungen an die Musik» ohne fachmännischen Firlefanz wortmächtig «unterzujubeln», so dass man sich der jahrzehntelangen Einseitigkeit (mit Recht) umso stärker bewusst wird. In fünf Kapiteln werden Stimmungen, Porträts, Vergleiche «Klassik und Jazz» sowie Weltmusik und Zufälliges angeboten, unterschiedlich fokussiert, aber meist in einer Kombination von sparsam eingesetztem historischem Wissen und persönlichem Musikerlebnis. Seine Fixpunkte sind John Coltrane, der «das musikalische Universum vielleicht weiträumiger abgeschritten hat als irgendjemand vor oder nach ihm», und der Jazz in all seinen Facetten. Es geht ihm primär aber nicht um die Beschreibung der Musik, sondern um «die Erkundung der Gefühle» beim Anhören von Musik; und hierin steht ihm ein wundersam reiches Vokabular zur Verfügung. Aber alle, auch die differenziertesten Erkundungen sind nichts ohne den entsprechenden Klang; als ob Ihnen die Speisekarte blumig geschildert würde, Sie aber nichts davon zu essen bekämen. Nach der Lektüre von Willemsens Ausführungen kann man denn auch sofort nachprüfen, ob sie auch für einen selbst zutreffen: Fast alle erwähnten Titel sind auf YouTube anzuhören – übrigens (noch) gratis.

Die tollsten Entdeckungen sind möglich. In den 50 Klassik-und-Jazz-Kombinationen stellt Willemsen Stücke nebeneinander, die beim Erkunden der Gefühle interessante Gemeinsamkeiten freigeben: das Staccato-Spiel des Lennie Tristano etwa nach dem G-Dur-Allegro von Muzio Clementi oder die abenteuerlich-flinke Trompete in Cherokee von Arturo Sandoval, nachdem man Niccolo Paganinis Moto perpetuo angehört hat. Verblüffend auch das Nocturne mit dem Teddy-Charles-Quintett gegenüber dem dritten aus den fünf Orchesterstücken von Anton Webern. Mag sein, dass manche Vergleiche auf Unverständnis stossen oder Wiederholungen auffallen, dass man sich nicht «für einen Angriff auf das sentimentale Zentrum» bereitmachen will, dass manche emotional-bedingten Urteile etwas zu salopp wirken oder dass «Spott zum Gruss» für Rex Gildo überflüssig ist. Aber die Information zur «weitgehend vergessenen» Pianistin Jutta Hipp kommt gerade rechtzeitig in der gegenwärtigen Diskussion um die Revision des Urheberrechts: Kurz vor ihrem Tod hat jemand bemerkt, dass ihr 40 000 Dollar an Tantiemen für Schallplatten zustanden, die nach ihrem Karrierenende noch verkauft worden waren. Ob die heutigen Verbreitungsmedien auch über ein derartiges Langzeitgedächtnis verfügen?

Zum Schluss aber noch eine Merkwürdigkeit: Jacques Loussier, der für unsere Generation eine nicht geringe Bedeutung in Sachen «Horizonterweiterung» hatte, kommt nicht vor. Dabei war noch Anfang der Siebzigerjahre auf der Karteikarte «Loussier, Jacques – Play Bach» im Radiostudio Bern vermerkt, dass diese Schallplatten «nur nach Rücksprache mit dem Abteilungsleiter Musik» im Programm eingesetzt werden dürften. Klar: Als Willemsen (mit Jahrgang 1955) in Hörweite von Loussiers Bach-Spiel kam, war es keine Sensation mehr.

Image

Roger Willemsen: Musik! Über ein Lebensgefühl, 512 S., € 24.00; S. Fischer, Frankfurt 2018, ISBN 978-3-10-397383-9

Das könnte Sie auch interessieren