Beeindruckende Materialsammlung

Die «Geschichte der Schweizer Volksmusik» von Brigitte Bachmann-Geiser beeindruckt durch ihre Fülle an Themen, Quellen, Bildern und Klängen.

Ausschnitt aus dem Titelblatt

Das Buch von Brigitte Bachmann-Geiser ist keine Geschichte der Volksmusik, wie die Autorin im Vorwort selber feststellt, sondern eine vierhundertseitige Materialsammlung. Warum es trotzdem diesen Titel trägt, bleibt allerdings ein Geheimnis.

Die Publikation fasst das Lebenswerk von Brigitte Bachmann-Geiser zusammen; darin liegt die Stärke, gleichzeitig aber auch die Schwäche des Buches. Beeindruckend ist die Vielfalt an Themen sowie die Breite des gesammelten Materials. Kaum jemand hat sich so lang und intensiv mit verschiedenen Facetten der Schweizer Volksmusik auseinandergesetzt, und so ist eine einzigartige Sammlung von Materialien zusammengekommen, die das Buch zur Pflicht für alle Spezialisten macht. Von historischen Zeugnissen über Alpsegen, Jodelarten, Volkslied, Alphorn, Blasmusikwesen bis zu Kinderinstrumenten und Kalenderbräuchen werden vielfältige Themen behandelt. Zu allen Kapiteln ist reiches Bildmaterial abgedruckt. Akustisch wird die Sammlung vervollständigt durch zwei CDs mit Beispielen zu den einzelnen Kapiteln und mit Melodien, Rhythmen und Lärm in Kalenderbräuchen, insgesamt also ein beachtliches Konzept, das nicht nur textlich, sondern auch optisch und klanglich beeindruckt.

Das Buch weist aber einige Schwächen auf, die den positiven Gesamteindruck trüben. Die Auswahl und Gewichtung des Materials scheint sehr zufällig. So wird beispielsweise auf dreizehn Seiten über Viehschellen und Kuhglocken berichtet, während dem eidgenössischen Jodlerverband gerade einmal eine Seite zugestanden wird. Auch die Ländlermusik – immerhin eine der zentralen Gattungen der Schweizer Volksmusik – wird auf fünfeinhalb Seiten abgehandelt. Diese Gewichtung wäre zu verschmerzen, wenn sie irgendwie begründet würde. Es fehlt aber jeder Hinweis darauf, warum sie so ausgefallen ist bzw. was denn hier unter Volksmusik verstanden wird. Ebenfalls unbefriedigend ist der Umgang mit dem gesammelten Quellenmaterial. So wird beispielsweise behauptet, die Kuhreihen im 18. und 19. Jahrhundert seien ohne Text aufgeschrieben worden, weil die ausländischen Forscher mit der Schweizer Mundart nichts anfangen konnten, dabei wird aber unterschlagen, dass Jean-Jacques Rousseau sein Beispiel explizit der Sackpfeife zuschrieb. Schade ist auch, dass zahlreiche Detailfehler vorkommen. So wird z. B. ein Foto mit Stocker Sepp vor einer Swissair-Maschine auf «um 1925» datiert, obwohl die Swissair erst 1931 gegründet wurde, oder behauptet, dass Bligg mit seinem Titel Volksmusigg wochenlang in der Hitparade gewesen sei, was sich anhand der Listen der Schweizer Hitparade nicht bestätigen lässt.

Am stärksten enttäuscht jedoch, dass die meisten Kapitel in den 1970er- und 1980er-Jahren stehengeblieben sind und kaum aktualisiert wurden – und wenn, dann mit wenigen, unsorgfältig recherchierten Sätzen. Das fällt besonders beim Kapitel «Erneuerung der Volksmusik» ins Gewicht, das sich auf die 1960er bis 1980er beschränkt und die letzten 25 Jahre, in denen die Schweizer Volksmusik äusserst lebendig war und sich stark verändert hat, kaum erwähnt.

Als Quellensammlung für kritische Spezialisten ist das Buch also sehr empfehlenswert, als Überblick für Einsteiger hingegen wenig geeignet.

Image

Brigitte Bachmann-Geiser: Geschichte der Schweizer Volksmusik, 399 S., 187 Abb., 2 CDs, Fr. 64.00, Schwabe, Basel 2019, ISBN 978-3-7965-3853-7

Das könnte Sie auch interessieren